Ueberblick über Goethes Schweizer Reisen

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Bild Goethe 1779 Johann Oswald May:

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Inhaltsverzeichnis

Goethes Reisen in die Schweiz

vgl. Art. Goethe in Wikipedia dt. [1] und frz. [2] und engl. [3]

Schweiz

(Handbuch CD Berliner Ausg.)



Dreimal hat Goethe die Schweiz besucht:

a) 1775 auf einer »Geniereise« zusammen mit den Brüdern Christian und Friedrich Leopold Grafen zu Stolberg,

b) 1779 mit Herzog Carl August, vgl. Tagebuch Goethes, vgl. Gespräch mit Bodmer (auf dieser Reise: Wanderung durch den Jura)

vgl. Carl August von Sachsen-Weimar Art. Wikipedia dt. [4] und engl. [5]

c) schließlich 1797, als eine geplante neue Italienreise wegen der Kriegsereignisse in der Lombardei nicht stattfinden konnte.

Die längste der drei Reisen, die von 1779 [cf. b)], dauerte fast zweieinhalb Monate, die beiden anderen erstreckten sich je über ungefähr einen Monat.

Der literarische Ertrag der Reisen ist sehr unterschiedlich.


ad a) Von der ersten [1775] haben sich nur wenige fragmentarische Notizen sowie eine Reihe von Zeichnungen erhalten; immerhin griff G. auf die Notizen zurück, als er an die Fertigstellung des vierten Teils von Dichtung und Wahrheit ging.

ad b) Auf der zweiten [1779] machte er sich ausführlichere Aufzeichnungen, hauptsächlich in den Briefen an Charlotte von Stein, die ihm später als Grundlage für eine Ausarbeitung dienen sollten. Doch wurde daraus zunächst nichts, bis Schiller 1796 um einen Beitrag für die Horen bat und die Briefe auf einer Reise nach dem Gotthard in seiner Zeitschrift veröffentlichte. 1808 nahm G. den Text in den elften Band seiner Gesamtausgabe bei Cotta auf, versah ihn jedoch mit dem Zusatz Zweite Abtheilung.

Die Briefe aus der Schweiz. Erste Abtheilung im selben Band, die, wie eine kurze editorische Vorbemerkung erläutert, aus dem Nachlaß Werthers stammen sollen, haben weder mit dem Genre Reisebrief noch mit der Schweiz speziell zu tun, es handelt sich vielmehr um eine Reihe von Stimmungsbildern.
Lediglich zwei kurze Passagen sind auf die Schweiz bezogen:
erstens eine gallige Invektive gegen die Klischeevorstellung von der freien Schweiz: »Frei wären die Schweizer? frei diese wohlhabenden Bürger in den verschlossenen Städten? frei diese armen Teufel an ihren Klippen und Felsen? [...] nun erzählen sie das alte Mährchen immer fort, man hört bis zum Überdruß: sie hätten sich einmal frei gemacht und wären frei geblieben; und nun sitzen sie hinter ihren Mauern, eingefangen von ihren Gewohnheiten und Gesetzen, [...] auf den Felsen ist's auch wohl der Mühe werth von Freiheit zu reden, wenn man das halbe Jahr vom Schnee wie ein Murmelthier gefangen gehalten wird« (WA I, 19, S. 197f.),
zweitens eine kritische Notiz über das Walliser Dorf Leuk: »so ein Schindel- und Steinhaufen, [...] und den Schmutz, den Mist! und staunende Wahnsinnige!« (ebd., S. 198).


ad c) Von seiner dritten Reise [1797] brachte G. schließlich die umfangreichsten Materialien mit nach Hause, ein buntes Gemisch von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen und kleinen Abhandlungen, durchsetzt mit Theaterzetteln, Predigten, Kurstabellen, Zeitungen usw., teils eigenhändig geschrieben, zumeist aber dem Schreiber Johann August Friedrich John diktiert. Sie wurden zwecks späterer Bearbeitung in Faszikel geordnet. 1823/24 ließ G. dieses Konvolut nochmals von John abschreiben, doch nahm er auch diesmal keine abschließende Redaktion vor. So ordnete er in einem Codicill zu seinem Testament vom 22.1. 1832, das die Fortsetzung der ALH regelte, an, daß die Schweizerreise vom Jahr 1797 von Johann Peter Eckermann herausgegeben werden sollte. Eckermann redigierte den Text Ende 1832 unter Mithilfe von Kanzler von Müller und Friedrich Wilhelm Riemer. Es war und blieb ein Konglomerat von unterschiedlichen Textsorten ohne einheitliche Perspektive. Gänzlich fehlt darin der enthusiastische Ton früherer Reiseberichte – G. hatte sich durchgehend um nüchterne Bestandsaufnahme bemüht.

Obgleich aus jeweils unterschiedlichen Motiven und mit je anderen Absichten unternommen, weisen die drei Reisen Gemeinsamkeiten auf. Zentrum des Aufenthalts war jeweils Zürich bzw. – nach dem Bruch mit Johann Kaspar Lavater – 1797 {= 3. Reise} Stäfa am Zürichsee. Jedesmal bewunderte er ausgiebig den Rheinfall und – das dürfte das stärkste Erlebnis überhaupt gewesen sein – bestieg er den Gotthard.

Zürich, Gotthard, Rheinfall, Wilhelm Tell

Die beiden ersten Reisen waren stark auf das Zusammentreffen mit Lavater (vgl. Art. Wikipedia Lavater [6] )ausgerichtet. Durch ihn wurde G. mit zahlreichen Persönlichkeiten des kulturellen und wissenschaftlichen Lebens in Zürich bekannt, allen voran mit dem alten Johann Jakob Bodmer (vgl. Art. Wikipedia Bodmer dt. [7] und frz. [8] und engl. [9] ). Man stattete auch dem »philosophischen Bauern« Klein Jakob Guyer, genannt Kleinjogg, auf dem Katzrütihof in Wermatschwil einen Besuch ab – 1779 erneut gemeinsam mit Carl August. Lavater war es auch, der die durch G.s Gedicht "Auf dem See" berühmt gewordene Lustpartie auf dem Zürichsee veranstaltete. Als G. zum letzten Mal in der Schweiz weilte, hatte er sich freilich längst mit Lavater überworfen, und auch die Beziehung zu Bäbe (Barbara) Schultheß, die 1775 {= 1. Reise} aufgenommen worden war und schließlich zur Rettung des Manuskripts von Wilhelm Meisters theatralischer Sendung führte, wurde stillschweigend abgebrochen, als diese den Versuch machte, G. mit Lavater zu versöhnen.

G. hatte ein waches Auge für die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Schweiz. Mit wenigen Ausnahmen fielen seine Urteile darüber positiv aus – und hätte er die Institutionen dieses Landes nicht als vorbildlich betrachtet, so hätte er es wohl kaum zum Ziel einer Bildungsreise für Carl August gewählt {2. Reise 1779}, über die er dann sagte, von ihr datiere »eine neue Epoche seines und unsers Lebens« (an Lavater, Ende November 1779). G. hielt allerdings wenig von republikanischen Institutionen; er betrachtete den aufgeklärten Absolutismus als eine bessere Regierungsform und suchte an verantwortlicher Stelle dessen Auswüchse vorsichtig zu mildern. So störte ihn die Tatsache wenig, daß die damaligen politischen Institutionen in der Schweiz stark von dem idealisierenden Bild abwichen, das man sich allgemein damals in Europa von ihr machte.

Albrecht von Hallers "Die Alpen" (1729), Salomon Gessners "Idyllen" (1756/72) sowie Jean-Jacques Rousseaus "La nouvelle Héloise" (1761) hatten das verklärte Bild einer ursprünglich-unschuldigen Hirtenidylle entworfen, wie sie angeblich in der noch unverdorbenen Alpenwelt existieren sollte.

Damit verband sich aufs engste der Freiheitsmythos, den die Tell- und Rütli-Überlieferung tradierte: Freiheit, Unabhängigkeit und ursprüngliche Lebensweise bildeten die drei Hauptbestandteile dieser Fiktion, wie sie dann insbesondere durch Schillers Wilhelm Tell (1804) bis weit ins 19. und teilweise 20. Jh. hinein aufrechterhalten wurde.

Goethe bewegte die Tatsache, daß hier ein Land ohne monarchisches Regierungssystem auskam und trotzdem ein erstaunlich hohes kulturelles Leben zu entfalten vermochte; Zürich hatte zwischen 1740 und 1780 neben Leipzig die lebendigste Literaturszene.

In Wahrheit unterschieden sich die Regierungsformen innerhalb der damaligen Eidgenossenschaft beträchtlich voneinander: Wenn in den Ur- und Bergkantonen wichtige Entscheidungen von einer Landsgemeinde gefällt wurden, so entsprach das noch am ehesten dem Idealbild. Doch auch in diesen Kantonen hatte sich im Laufe der Zeit eine Oberschicht herausgebildet, die wirklich demokratische Verhältnisse ausschloß. Während in den Stadtkantonen das Patriziat als geschlossene Kaste die politische und wirtschaftliche Macht unter sich aufteilte, gab es daneben noch geistliche Herrschaften wie die des reichen Fürstabts von St. Gallen sowie eine Anzahl von »gemeinen Herrschaften«, welche abwechselnd von den Kantonen verwaltet und ausgebeutet wurden.

Dennoch: Es fehlte in der Schweiz ein Hof, und es gab keinen Adel – und das zusammen mit dem Freiheitsmythos genügte, um diesem Land in der vorrevolutionären Zeit einen Nimbus der Fortschrittlichkeit und Vorbildlichkeit zu verleihen, wozu die erhabene Gebirgslandschaft eine wirkungsvolle Kulisse bildete.

Interessiert, aber auch skeptisch beobachtete G. 1797 in Stäfa (= 3. Reise), wo zwei Jahre zuvor ein Aufstand gegen die städtische Obrigkeit stattgefunden hatte, wie sich revolutionäre Veränderungen anbahnten: »Die öffentlichen Angelegenheiten sehen in diesem Lande wunderlich aus. Da ein Theil der ganzen Masse schon völlig demokratisch regiert wird, so haben die Unterthanen der mehr oder weniger aristokratischen Cantone, an ihren Nachbarn, schon ein Beyspiel dessen was jetzt der allgemeine Wunsch des Volks ist; an vielen Orten herrscht Unzufriedenheit, die sich hie und da in kleinen Unruhen zeigt« (an Voigt, 26.9. 1797). Und an Schiller schrieb er am 25.10. 1797 ironisch-staunend: »Es ist wunderbar wie alte Verfassungen, die bloss auf seyn und erhalten gegründet sind, sich in Zeiten ausnehmen wo alles zum werden und verändern strebt«.

Natürlich war G., wie so viele andere, fasziniert vom Gründungsmythos der Schweiz, als er die legendären Stätten der Innenschweiz – Rütli, Tellplatte, Tell-Kapelle, Altdorf, Hohle Gasse – besuchte; bereits 1775 wählte er sie zu Stationen einer Tell-Wallfahrt: »dem Grüdli über wo die 3 Tellen schwuren drauf an der Tellen Platte wo Tell aus sprang. Drauf 3 Uhr in Flüely wo er eingeschifft ward. 4 Uhr in Aldorf wo er den Apfel abschoss« (Tagebuch, 19.6. 1775{= 1. Reise}). Die Faszination verdichtete sich später sogar zum Plan, den Tell-Stoff in einem Hexameter-Epos zu bearbeiten, doch überließ er dann Schiller das Sujet (Eckermann, 6.5. 1827).

Immer wieder fielen G. die Ordnung und Sauberkeit der Landwirtschaft sowie die vergleichsweise hochentwickelte Infrastruktur in der Schweiz auf. Im Jura notierte er: »Der Weg ist eine wohlgemachte Chaussee, nur angelegt um das Holz aus dem Gebirg bequemer in das Land herunter zu bringen« (WA I, 19, S. 228f.), oder er hielt die Sorgfalt fest, mit der die fruchtbare Erde von Steinen befreit wurde. Frappiert registrierte er an der Grenze zwischen dem schweizerisch-bernischen und dem französischen Territorium: »Durch einen kleinen Fichtenwald rückten wir in's französische Gebiet ein. Hier verändert sich der Schauplatz sehr. Was wir zuerst bemerkten, waren die schlechten Wege. Der Boden ist sehr steinicht, überall liegen sehr große Haufen zusammen gelesen; wieder ist er eines Theils sehr morastig und quellig; die Waldungen umher sind sehr ruiniret; den Häusern und Einwohnern sieht man ich will nicht sagen Mangel, aber doch bald ein sehr enges Bedürfniß an. Sie gehören fast als Leibeigne an die Canonici von St. Claude, sie sind an die Erde gebunden, viele Abgaben liegen auf ihnen« (ebd., S. 235). 1797 notierte er: »Was man sonst von Ökonomen wünschen hört, das sieht man hier vor Augen, den höchsten Grad von Cultur, mit einer gewissen mäßigen Wohlhabenheit« (WA I, 34.1, S. 411) und: »Die Cultur ist um den Züricher See wirklich auf dem höchsten Punct« (ebd., S. 422).

Das Erlebnis der schweizerischen Landschaft

Eher noch wichtiger und nachhaltiger als diese politischen und sozialen Erfahrungen war freilich das Erlebnis der schweizerischen Landschaft, insbesondere auch des Hochgebirges der Alpen. Auf jeder der Reisen bildete die Besteigung des Gotthard-Passes einen Höhepunkt. Dieser zentral gelegenen Wasserscheide kam für G. eine symbolische Bedeutung zu: Südwärts davon lockte das seit der Kindheit schwärmerisch imaginierte Italien, das ihn mit magischer Kraft anzog. Doch zweimal nötigten die Umstände zur Umkehr – 1775 {1. Reise} das unsichere Verhältnis zu Lili Schönemann, 1779 {2. Reise} die Verpflichtungen gegenüber dem jungen Landesfürsten –, und immerhin hatte G., als er 1797 {3. Reise} zum dritten Mal auf dem Gotthard stand, zuvor auf eine neue Italienreise, von der er viel erwartet und auf die er sich lange vorbereitet hatte, verzichten müssen.

In den Aufzeichnungen der ersten Reise findet sich zum Erlebnis des Gotthard noch nichts vermerkt; erst in Dichtung und Wahrheit rekonstruierte es G. und sah sich infolge der zeitlichen Distanz genötigt, auf den Unsagbarkeitstopos zu rekurrieren: »ein Tag [...], dessen Eindrücke weder Poesie noch Prosa herzustellen im Stande« seien (WA I, 29, S. 127). In den Briefen aus der Schweiz erscheint der Gotthard in übertragenem Sinne als Höhe- und Wendepunkt: »Der Gotthard ist zwar nicht das höchste Gebirg der Schweiz, und in Savoyen übertrifft ihn der Montblanc an Höhe um sehr vieles; doch behauptet er den Rang eines königlichen Gebirges über alle andere, weil die größten Gebirgsketten bei ihm zusammen laufen und sich an ihn lehnen. [...] Die Gebirge von Schweiz und Unterwalden, gekettet an die von Uri, steigen von Mitternacht, von Morgen die Gebirge des Graubündter Landes, von Mittag die der italiänischen Vogteien herauf, und von Abend drängt sich durch die Furka das doppelte Gebirg, welches Wallis einschließt, an ihn heran. Nicht weit vom Hause hier sind zwei kleine Seen, davon der eine den Tessin durch Schluchten und Thäler nach Italien, der andere gleicherweise die Reuß nach dem Vier-Waldstädtersee ausgießt. Nicht fern von hier entspringt der Rhein und läuft gegen Morgen, und wenn man alsdann die Rhone dazu nimmt, die an einem Fuß der Furka entspringt, und nach Abend durch das Wallis läuft; so befindet man sich hier auf einem Kreuzpuncte, von dem aus Gebirge und Flüsse in alle vier Himmels-Gegenden auslaufen« (WA I, 19, S. 305f.).

Dieser Sinn für symbolische Bedeutung freilich war inzwischen auf der Italienreise entwickelt worden. Für den jungen Stürmer und Dränger stand der unmittelbare Eindruck von gewaltiger Größe und wilder Unzugänglichkeit der Bergriesen im Vordergrund. So hatte er auch 1779 (2. Reise) den Gotthard als Höhe- und Schlußpunkt der Reise erlebt. Und darauf griff er offenbar bereits zurück, als er 1784 in der Abhandlung Über den Granit gerade die Faszination dieses Urgesteins herausstellte und feierte: »Jeder Weg in unbekannte Gebirge bestätigte die alte Erfahrung, daß das Höchste und das Tiefste Granit sei, daß diese Steinart, die man nun näher kennen und von andern unterscheiden lernte, die Grundfeste unserer Erde sei, worauf sich alle übrigen mannigfaltigen Gebirge hinauf gebildet. In den innersten Eingeweiden der Erde ruht sie unerschüttert, ihre hohe Rücken steigen empor, deren Gipfel nie das alles umgebende Wasser erreichte. So viel wissen wir von diesem Gesteine und wenig mehr« (LA I, 1, S. 58).

1797 {3. Reise} schien sich der Enthusiasmus verflüchtigt zu haben, und man meint fast etwas wie Ernüchterung feststellen zu können: »Der Eindruck [der Gebirge; d. Vf.] war im ganzen geblieben, die Theile waren verloschen und ich fühlte ein wundersames Verlangen jene Erfahrungen zu wiederholen und zu rectificiren« (an Schiller, 14.10. 1797). An Johann Friedrich Cotta schrieb er »von den Winterscenen des Gotthardts, die nur noch durch Mineralogie belebt werden können« (17.10. 1797). Die Erhabenheit, aber zugleich wilde Formlosigkeit der Gebirgsmassen bereitete ihm nun fast ein Unbehagen, vor dem er in den Gesetzlichkeiten der Mineralogie Zuflucht suchte. Der junge Schweiz-Reisende hatte noch keinerlei geologische Überlegungen angestellt, sondern sich vielmehr von ossianischen Ahnungen und rousseauscher Empfindsamkeit lenken lassen. So heißt es in Dichtung und Wahrheit in unmittelbar reflektierter Rückschau: »Der Wirth zeigte schöne Krystalle vor; ich war aber damals so entfernt von solchen Naturstudien, daß ich mich nicht einmal für den geringen Preis mit diesen Bergerzeugnissen beschweren mochte« (WA I, 29, S. 121). Auf seiner letzten Reise {1797} dagegen konnte G. gar nicht genug Steinproben mitschleppen; in Stäfa wurden nach der Rückkehr aus dem Hochgebirge ganze Tage mit Ordnen und Einpacken der gesammelten und gekauften Mineralien verbracht.

Die Eindrücke aus der Schweiz sind in G. immer lebendig gelieben, und auch in seinem dichterischen Werk sind sie wiederzuerkennen, etwa im Chorlied der Eingangsszene des 1. Aktes – wie er laut Eckermann am 6.5. 1827 bestätigte – und in der Szene Hochgebirge in Faust II. Viele Bilder und Stiche, zahllose Mineralien in seiner Sammlung erinnerten ihn an seine Reisen. Als er 1806 das Reise-, Zerstreuungs- und Trostbüchlein für Prinzessin Caroline Louise zusammenstellte, zeichnete er dafür aus der Erinnerung eine Reihe von Veduten mit schweizerischen Voralpen- und Alpenmotiven.

Gäste aus der Schweiz haben in Weimar eine nicht geringe Rolle gespielt. Noch durch Lavater vermittelt, tauchte im September 1776 der junge Winterthurer Christoph Kaufmann auf, der indes bald nach Dessau ans Philanthropin weiterreiste. Einen weiteren kuriosen Schützling schickte Lavater G. 1777 ins Haus: den zwölfjährigen Peter im Baumgarten. G. hatte, zusammen mit Lavater und Karl Ulysses von Salis-Marschlins, die Patenschaft für den Elternlosen übernommen. Er steckte den ziemlich Verwilderten ins Försterhaus zu Ilmenau, hatte indes in der Folge wenig Freude an dem Jungen. Obwohl der Verkehr mit Lavater 1786 definitiv abgebrochen wurde, blieb ein reger Austausch mit Schweizern bestehen. In Rom verfertigte der Schweizer Bildhauer Alexander Trippel eine Büste G.s, die später von Anna Amalia in Marmor bestellt wurde. In Rom traf G. auch den Maler, Zeichner und Stecher Johann Heinrich Lips wieder, mit dem er bereits im Zusammenhang mit Lavaters Physiognomischen Fragmenten zu tun gehabt hatte – 1789 bot er Lips eine Stelle an der Zeichenakademie in Weimar an, doch verließ dieser, schwer erkrankt, 1794 diesen Posten bereits wieder.

Wichtige Schweizer in Goethes Leben

Der wichtigste Schweizer in G.s Leben – neben Lavater – wurde schließlich Johann Heinrich Meyer, dessen Bekanntschaft er in Rom machte und der über Jahrzehnte hinweg ein unentbehrlicher und treuer Mitarbeiter in Kunstfragen blieb. Schließlich wäre noch der Genfer Frédéric Jean Soret zu nennen, der 1829 als Erzieher des Erbprinzen nach Weimar berufen wurde. Mit ihm führte G. intensive, besonders auch naturwissenschaftliche Gespräche. Soret übertrug die Materialien zur Geschichte der Farbenlehre und die Schriften zur Metamorphose ins Französische (1831) und veröffentlichte 1832 seine Notice sur Goethe. Aus seinem Nachlaß wurden 1932 herausgegeben: "Un Genevois à la Cour de Weimar" und "Conversations avec Goethe"; bereits 1929 gab Heinrich Hubert Houben die deutsche Fassung "Zehn Jahre mit Goethe. Erinnerungen an Weimars Klassische Zeit 1822–1832" heraus.


Literaturhinweis

Literatur:

Bode, Wilhelm: Goethes Schweizer Reisen. Leipzig 1922. – Ders.: Die Schweiz, wie Goethe sie sah. 133 Tafeln. Leipzig 1922. – Bohnenblust, Gottfried: Goethe in der Schweiz. Frauenfeld, Leipzig 1932. – Fränkel, Jonas: Goethes Erlebnis der Schweiz. St. Gallen 1949. – Schnyder-Seidel, Barbara: Goethe in der Schweiz: anders zu lesen. Bern, Stuttgart 1989. – Ziehen, Eduard: Die deutsche Schweizbegeisterung in den Jahren 1750–1815. Frankfurt 1922.

Christoph Siegrist

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