Brief an Charlotte von Stein

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Brief Goethes an Charlotte von Stein aus Münster = Moutier, Kt. Bern CH

(vgl. Art. Wikipedia Charlotte von Stein dt. [1] und engl.[2] ; Bildnis von Charlotte von Stein: [3] )


(Anmerkung: Münster = Moutier in der Prévôté/Propstei Moutier-Grandval, zur Zeit von Goethes Aufenthalt 1779 unter weltlicher Herrschaft des Fürstbischofs von Basel; heute im Kt. Bern, Schweiz)


AN CHARLOTTE VON STEIN

Münster, 3. Oktober 1779. Sonntag, abends

Ich eile nur, von der letzten Station einige Worte aufzuzeichnen.

Von . . ., wo wir zu Mittag gegessen hatten, kamen wir bald in den engen Paß, der hierher führt.

Durch den Rücken einer hohen und breiten Gebirgkette hat die Birsch, ein mäßiger Fluß, sich einen Weg von uralters gesucht. Das Bedürfnis mag nachher durch diese Schlüchter ängstlich nachgeklettert sein. Die Römer erweiterten schon den Weg, und nun ist er sehr bequem durchgeführt. Das über Felsstücke rauschende Wasser und der Weg gehen nebeneinander weg und machen an den meisten Orten die ganze Breite des Passes, der auf beiden Seiten von Felsen beschlossen ist, die ein gemächlich aufgehobenes Auge fassen kann. Hinterwärts heben Gebirge sanft ihre Rücken, deren Gipfel uns von Nebel bedeckt waren.

Bald steigen aneinanderhängende Wände senkrecht auf, bald streichen gewaltige Lagen schief nach dem Fluß und dem Weg ein, breite Massen sind aufeinandergesetzt, und gleich darneben stehen scharfe Klippen abgesetzt. Größe Klüfte spalten sich aufwärts, und Platten von Mauerstärke haben sich von dem übrigen Gesteine losgetrennt. Einzelne Felsstücke sind heruntergestürzt, andere hängen noch über und lassen nach ihrer Lage fürchten, daß sie dereinst gleichfalls hereinkommen werden. Bald rund, bald spitz, bald bewachsen, bald nackt sind die Firsten der Felsen, wo oft noch oben drüber ein einzelner Kopf kahl und kühn herübersieht, und an Wänden und in der Tiefe schmiegen sich ausgewitterte Klüfte hinein.

Mir machte der Zug durch diese Enge eine große ruhige Empfindung. Das Erhabene gibt der Seele die schöne Ruhe, sie wird ganz dadurch ausgefüllt, fühlt sich so groß, als sie sein kann, und gibt ein reines Gefühl, wenn es bis gegen den Rand steigt, ohne überzulaufen. Mein Aug und meine Seele konnten die Gegenstände fassen, und da ich rein war, diese Empfindung nirgends falsch widerstieß, so würkten sie, was sie sollten. Wenn man solch ein Gefühl mit dem vergleicht, wenn wir uns mühselig im kleinen umtreiben, alle Mühe uns geben, ihm soviel als möglich zu borgen und aufzuflicken und unserm Geist durch seine eigne Kreatur eine Freude und Futter zu geben, so sieht man erst, wie ein armselig Behelf es ist.

Ein junger Mann, den wir von Basel mitnahmen, sagte, es sei ihm lange nicht wie das erstemal, und gab der Neuheit die Ehre. Ich möchte aber sagen, wenn wir einen solchen Gegenstand zum erstenmal erblicken, so weitet sich die ungewohnte Seele erst aus, und es macht dies ein schmerzlich Vergnügen, eine Überfülle, die die Seele bewegt und uns wollustige Tränen ablockt, durch diese Operation wird die Seele in sich größer, ohne es zu wissen, und ist jener ersten Empfindung nicht mehr fähig, der Mensch glaubt, verloren zu haben, er hat aber gewonnen, was er an Wollust verliert, gewinnt er an innrem Wachstum; hätte mich nur das Schicksal in irgendeine große Gegend heißen wohnen, ich wollte mit jedem Morgen Nahrung der Großheit aus ihr saugen, wie aus meinem lieblichen Tal Geduld und Stille.

Am Ende der Schlucht stiege ich ab und kehrte einen Teil alleine zurück. Ich entwickelte noch ein tiefes Gefühl, was das Vergnügen auf einen hohen Grad für aufmerksame Augen vermehrt. Man ahndet im Dunkeln die Entstehung und das Leben dieser seltsamen Gestalten. Es mag geschehen sein, wie und wann es wolle, so haben sich diese Massen nach der Schwere und Ähnlichkeit ihrer Teile groß und einfach zusammengesetzt. Was für Revolutionen sie nachhero bewegt, getrennt, gespalten haben, so sind auch diese (p. 112) auch nur einzelne Erschütterungen gewesen, und selbst der Gedanke einer so ungeheuren Bewegung gibt ein hohes Gefühl von ewiger Festigkeit. Die Zeit hat, auch gebunden an die ewige Gesetze, bald mehr, bald weniger auf sie gewirkt.

Sie scheinen innerlich von gelblicher Farbe zu sein, allein das Wetter und die Luft verändern die Oberfläche in Graublau, daß nur hier und da in Streifen und in frischen Spalten die erste Farbe sichtbar ist. Langsam verwittert der Stein selbst und rundet sich an den Ecken ab, weichere Flecken werden weggezehrt, und so gibt’s gar zierlich ausgeschweifte Höhlen und Löcher, die, wenn sie mit scharfen Kanten und Spitzen zusammentreffen, sich seltsam zeichnen.

Die Vegetation behauptet ihr Recht, auf jedem Vorsprung, Fläche und Spalt fassen Fichten Wurzel, Moos und verwandte Kräuter säumen die Felsen. Man fühlt tief, hier ist nichts willkürliches, alles langsam bewegendes ewiges Gesetz, und nur . . . Menschenhand ist der bequeme Weg, über den man durch diese seltsamen Gegenden durchschleicht.


Brief zit. nach der Berliner Ausgabe, Berlin/Weimar: Aufbau-Verlag 1960-1978, in: Briefe Bd. 1, S. 110-112



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