Bekenntnisse Buch XII

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Jean-Jaques Rousseau: Bekenntnisse (dt. Uebersetzung)


Zwölftes Buch. 1762

Hier beginnt das Werk der Finsternis, in die ich mich seit acht Jahren versenkt fühle, ohne daß es mir aller Anstrengungen ungeachtet möglich gewesen wäre, ihr schreckliches Dunkel zu durchdringen. In dem Abgrund von Elend, der mich verschlungen hat, fühle ich die Schläge, die wider mich geführt werden, gewahre ich das unmittelbare Werkzeug derselben, vermag aber weder die Hand, welche sie leitet, noch die Mittel zu erkennen, welche sie aufbietet. Schmach und Leiden fallen wie von selbst, und ohne daß man es sieht, über mich her. Wenn meinem zerrissenen Herzen Seufzer entschlüpfen, habe ich den Anschein eines Menschen, der grundlos klagt, und die Urheber meines Untergangs haben die unbegreifliche Kunst entdeckt, das Publikum zum Mitschuldigen ihrer Verschwörung zu machen, ohne daß dasselbe es nur ahnt und die Wirkung davon merkt. Indem ich also die sich auf mich beziehenden Ereignisse, die mir zugefügte Behandlung und alles, was mir widerfahren ist, erzähle, bin ich außer Stande, bis auf die bewegende Hand zurückzugehen und bei der Mittheilung der Thatsachen auch die Ursachen anzugeben. Diese ersten Ursachen sind sämmtlich in den drei vorhergehenden Büchern angeführt; alle mich persönlich berührenden Interessen, alle geheimen Beweggründe sind darin auseinandergesetzt. Aber nachzuweisen, wie alle diese verschiedenen Ursachen ineinandergreifen, um meine merkwürdigen Lebensschicksale hervorzurufen, das vermag ich nicht zu erklären, ja nicht einmal zu vermuthen. Sollten sich unter meinen Lesern so edelmüthige finden, daß sie sich gedrungen fühlen, diese Geheimnisse zu ergründen und die Wahrheit zu enthüllen, so mögen sie aufmerksam die drei vorhergehenden Bücher noch einmal lesen, sodann über jede Thatsache, die sie der Reihe nach lesen werden, die ihnen zugänglichen Erkundigungen einziehen, endlich von einem Kunstgriff und von einem Helfershelfer zum andern bis zu den ersten Urhebern von allem zurückgehen, und ich weiß sicher, bei welchem Ziele ihre Nachforschungen anlangen werden; ich jedoch verliere mich auf dem dunklen und krummen Schleichwege, auf dem sie es erreichen werden. Während meines Aufenthalts zu Yverdun lernte ich Roguins ganze Familie kennen, unter andern seine Nichte Frau Boy de la Tour und ihre Töchter, mit deren Vater ich, wie ich gesagt zu haben glaube, einst in Lyon Bekanntschaft gemacht hatte. Sie war nach Yverdun gekommen, um ihren Onkel und ihre Schwestern zu besuchen. Ihre älteste Tochter, die ungefähr fünfzehn Jahre alt war, bezauberte mich durch ihren gesunden Verstand und vortrefflichen Charakter. Ich schloß mich der Mutter und der Tochter mit der zärtlichsten Freundschaft an. Letztere war von Herrn Roguin seinem Neffen, einem Obrist, bestimmt, der schon in einem gewissen Alter stand und mir gleichfalls die größte Freundschaft an den Tag legte; aber obgleich der Onkel sehr eingenommen für diese Heirath war, der Neffe sie ebenfalls sehr wünschte und ich die Erfüllung ihrer beiderseitigen Wünsche mit lebhafter Freude begrüßt hätte, so leistete ich doch im Hinblick auf das große Mißverhältnis im Alter und auf den heftigen Widerstand des jungen Mädchens der Mutter Beistand, diese Heirath, die auch nicht vollzogen wurde, zu verhindern. Der Obrist heirathete darauf Fräulein Dillau, eine Verwandte, von einem Charakter und einer Schönheit ganz nach meinem Herzen, die ihn zum glücklichsten der Gatten und der Väter gemacht hat. Dem ungeachtet hat Roguin nicht vergessen können, daß ich bei dieser Gelegenheit seinen Wünschen hinderlich gewesen bin. Ich habe mich darüber durch das Bewußtsein getröstet, sowohl gegen ihn wie gegen seine Familie die Pflicht der heiligsten Freundschaft erfüllt zu haben, die nicht darin besteht, sich stets angenehm zu machen, sondern zum Besten zu rathen.

Ueber die Aufnahme, die meiner in Genf wartete, falls ich Lust verspüren sollte, dorthin zurückzukehren, war ich nicht lange im Zweifel. Mein Buch wurde daselbst verbrannt, und den 18. Juni, das heißt neun Tage, nachdem es in Paris geschehen war, der Haftbefehl gegen mich erlassen. In diesem zweiten Erlaß waren so viele unglaubliche Albernheiten zusammengehäuft und das Religionsedict war darin so offenbar verletzt worden, daß ich den ersten Nachrichten, die darüber zu mir gelangten, nicht Glauben schenken wollte und bei ihrer Bestätigung zitterte, daß eine so in die Augen fallende und schreiende Verletzung aller Gesetze, um nur gleich mit dem des gesunden Menschenverstandes zu beginnen, alle Genfer Herzen in Aufruhr setzen würde. Ich konnte mich getrost beruhigen; alles blieb still. Wenn sich unter dem gemeinen Volke einiges Murren erhob, so war es nur wider mich gerichtet. Oeffentlich wurde ich von allen Klatschschwestern und von allen Pedanten wie ein Schuljunge behandelt, dem man mit der Ruthe droht, weil er seinen Katechismus nicht wörtlich herzusagen vermag.

Diese beiden Erlasse wurden das Signal zu dem Schrei der Entrüstung, der sich mit einer beispiellosen Wuth in ganz Europa gegen mich erhob. Alle Zeitungen, alle Tagesblätter, alle Flugschriften läuteten die Sturmglocke mit aller Gewalt. Die Franzosen besonders, dieses so entgegenkommende, so höfliche, so edelmüthige Volk, das auf seinen Anstand und seine Rücksichten gegen Unglückliche so stolz ist, zeichnete sich im plötzlichen Vergessen seiner Lieblingstugenden durch die Zahl und Heftigkeit seiner Schmähartikel aus, mit der es um die Wette über mich herfiel. Ich war ein Gottloser, ein Atheist, ein Verrückter, ein Rasender, ein wildes Thier, ein Wolf. Der Fortsetzer des Journals von Trévoux erging sich gegen meine sogenannte Verwolfung in einer Weise, die seine eigene ziemlich klar bewies. Kurz, man hätte meinen sollen, daß man in Paris fürchtete, mit der Polizei in Ungelegenheiten zu gerathen, wenn man es bei der Herausgabe einer Schrift über irgend einen beliebigen Gegenstand verabsäumte, darin irgend eine Schmähung gegen mich anzubringen. Da ich umsonst nach dem Grunde dieser einstimmigen Erbitterung suchte, war ich nahe daran zu glauben, daß die ganze Welt verrückt geworden wäre. Wie, der Herausgeber des »Ewigen Friedens« facht Zwietracht an? Der Schreiber des »Savoyischen Vikars« ist ein Ungläubiger? Der Verfasser der »Neuen Heloise« ist ein Wolf? Der des »Emil« ein Rasender? Ach, mein Gott, was würde ich dann erst gewesen sein, hätte ich das Buch »Ueber den Geist« oder irgend ein ähnliches Werk veröffentlicht? Und trotzdem vereinigte in dem Sturme, der sich gegen den Verfasser dieses Buches erhob, das Publikum nicht nur nicht seine Stimme mit dem seiner Verfolger, sondern rächte ihn noch an ihnen durch sein ihm gespendetes Lob. Man vergleiche sein Buch mit den meinigen, die verschiedene Aufnahme, die diese Werke gefunden haben, die verschiedene Behandlung, die den beiden Verfassern in den Staaten Europas zu Theil geworden ist, und dann suche man nach Gründen zu dieser Verschiedenheit, die einen vernünftigen Mann befriedigen können: das ist alles, was ich verlange; ich persönlich bin darüber still.

Der Aufenthalt zu Yverdun bekam mir so wohl, daß ich auf Herrn Roguins wie seiner ganzen Familie dringendes Bitten daselbst zu bleiben beschloß. Der Amtmann dieser Stadt, Herr Moiry von Gingins, ermuthigte mich ebenfalls durch seine Güte, in seinem Bezirk zu bleiben. Der Obrist bat mich so freundlich, in einem Pavillon, der zu seinem Hause gehörte und zwischen Hof und Garten lag, meine Wohnung zu nehmen, daß ich darauf einging, und sogleich beeilte er sich, ihn auszumöbliren und mit allem zu versehen, was für meine kleine Wirtschaft erforderlich war. Der Bannerherr Roguin, der sich mit am eifrigsten um mich bemühte, verließ mich den ganzen Tag nicht. Ich war für so viele Freundlichkeiten stets sehr dankbar, wenn auch durch sie oft sehr belästigt. Schon war der Tag meines Einzugs bestimmt, und ich hatte Therese aufgefordert, mir nachzukommen, als ich plötzlich vernahm, daß sich in Bern ein Sturm gegen mich erhöbe, der von den Frommen ausgehen sollte und hinter dessen erste Ursache ich nie habe kommen können. Ohne zu wissen von wem aufgehetzt, schien mich der Senat in meinem Zufluchtsorte nicht in Ruhe lassen zu wollen. Bei der ersten Mittheilung, die der Herr Ammann von dieser Gährung empfing, schrieb er für mich an mehrere Regierungsmitglieder, wobei er ihnen ihre blinde Unduldsamkeit vorwarf und es ihnen als Schande auslegte, einem unterdrückten Manne von Verdienst das Asyl verweigern zu wollen, welches so viele Banditen in ihrem Staate fänden. Nach Ansicht kluger Leute hatte die Hitze seiner Vorwürfe die Gemüther mehr erbittert als besänftigt. Wie dem auch sein mochte, so waren doch sein Einfluß und seine Beredtsamkeit nicht im Stande, den Schlag abzuwehren. Von dem Befehl, den er mir anzeigen sollte, in Kenntnis gesetzt, gab er mir vorher einen Wink, und um diesen Befehl nicht abzuwarten, entschloß ich mich, am folgenden Tage abzureisen. Da ich die Erfahrung gemacht, daß mir Genf und Frankreich verschlossen waren, und voraussah, daß sich in dieser Angelegenheit jeder beeifern würde, dem Beispiele seines Nachbarn nachzueifern, war nur die Schwierigkeit zu wissen wohin.

Frau Boy de la Tour machte mir den Vorschlag, ein völlig leerstehendes, aber ganz ausmöblirtes Haus zu beziehen, das ihrem Sohne im Dorfe Motiers gehörte, welches Val-de-Travers in der Grafschaft Neuchâtel lag. Ich hatte, um es zu erreichen, nur einen einzelnen Bergrücken zu übersteigen. Das Anerbieten war um so zweckentsprechender, als ich in den Staaten des Königs von Preußen gegen die Verfolgungen geschützt war, und die Religion dort wenigstens nicht als Vorwand dienen konnte. Nur eine geheime Schwierigkeit, die ich nicht aussprechen durfte, gab mir zur Unschlüssigkeit gerechten Grund. Die angeborene Gerechtigkeitsliebe, die mein Herz beständig verzehrte, im Verein mit meiner geheimen Neigung für Frankreich, hatte mich mit Widerwillen gegen den König von Preußen erfüllt, der mir durch seine Grundsätze und Handlungsweise alle Achtung vor dem natürlichen Gesetz und allen menschlichen Pflichten mit Füßen zu treten schien. Unter den eingerahmten Kupferstichen, mit denen ich meinen Thurm in Montmorency geschmückt hatte, befand sich ein Porträt dieses Fürsten, unter dem ein Distichon Var. ... unter das ich ein Distichon geschrieben hatte, das ... stand, das mit den Worten endete:

Er denkt als Philosoph und zeiget sich als König.

Dieser Vers, der, wäre er aus jeder andern Feder geflossen, für ein ziemlich schönes Lob gegolten hätte, konnte, aus der meinen kommend, nur einen völlig unzweideutigen Sinn haben, den der vorangehende Vers Dieser Vers lautete:

Der Ruhm, der Eigennutz, das ist sein Gott, sein Recht.

Er ging dem im Texte angeführten Verse nicht voran. Dieser stand unter dem Porträt; der andre Vers war hinterher geschrieben noch zum Ueberfluß ganz deutlich aussprach. Von allen, die zu mir kamen, und deren Zahl war nicht klein, war dieses Distichon gesehen worden. Der Chevalier von Lorenzi hatte es sogar, um es d'Alembert zu geben, abgeschrieben, und ich zweifelte nicht, daß sich d'Alembert Mühe gegeben hatte, mich damit diesem Fürsten zu empfehlen. Dieses erste Vergehen hatte ich noch durch eine Stelle im »Emil« verschlimmert, wo man leicht erkennen konnte, wen ich unter dem Namen Adrast, König der Daunier, meinte, und die dort gemachte Bemerkung war den Krittlern, die mich verfolgten, nicht entgangen, da mich Frau von Boufflers mehrmals darüber zur Rede gestellt hatte. Deshalb war ich völlig überzeugt, mit rother Tinte in die Listen des Königs von Preußen eingetragen zu sein; und da ich überdies annahm, daß er die Grundsätze, die ich ihm zuzuschreiben gewagt hatte, wirklich besäße, konnten ihm meine Schriften und ihr Verfasser schon lediglich um deswillen nur mißfallen, denn man weiß, daß mich die Bösen und die Tyrannen, auch ohne mich zu kennen, auf die bloße Lectüre meiner Schriften hin stets gehaßt haben.

Gleichwohl wagte ich mich in seine Gewalt zu begeben und war überzeugt, wenig Gefahr zu laufen. Ich wußte, daß die niedrigen Leidenschaften nur über schwache Menschen Herr werden und über Seelen von hartem Schlage, und für eine solche hatte ich die seinige erkannt, nichts vermögen. Ich glaubte fest, daß seine Regierungskunst es von ihm verlangte, sich bei einer solchen Gelegenheit hochherzig zu zeigen, und daß sein Charakter groß genug wäre, es wirklich zu sein. Ich war überzeugt, daß eine niedrige und leicht auszuübende Rache nicht einen Augenblick die Ruhmliebe in ihm überwiegen könnte, und wenn ich mich an seine Stelle dachte, hielt ich es nicht für unmöglich, daß er die Gelegenheit benutzen würde, um den Mann, der es gewagt hatte, von ihm schlecht zu denken, durch das ganze Gewicht seines Edelmuths niederzubeugen. So übersiedelte ich denn nach Motiers mit einer Zuversicht, deren Werth ich ihn einzusehen für befähigt hielt, und sagte zu mir: »Wird sich Friedrich, wenn sich Jean-Jacques neben Coriolan erhebt, niedriger zeigen als der Feldherr der Volsker?«

Der Obrist Roguin wollte mich durchaus über den Berg begleiten und mich persönlich in Motiers einführen. Eine Schwägerin der Frau Boy de la Tour, eine gewisse Frau Girardier, der das Haus, welches ich in Besitz nehmen wollte, sehr bequem war, sah meine Ankunft keineswegs, mit Freuden; trotzdem übergab sie mir meine Wohnung mit aller Höflichkeit, und ich aß bei ihr, bis Therese angekommen und meine kleine Wirtschaft eingerichtet war.

Da ich seit meiner Abreise von Montmorency das Gefühl in mir trug, daß ich von nun an auf Erden flüchtig und unstät sein würde, trug ich Bedenken, ob ich ihr gestatten sollte, wieder zu mir zu kommen und das umherirrende Leben, zu dem ich mich verurtheilt sah, zu theilen. Ich fühlte, daß unsere Beziehungen durch diesen Wendepunkt eine Aenderung erleiden müßten und daß, was bis dahin meinerseits Gunst und Wohlthat gewesen war, es von nun an ihrerseits werden würde. Bestand ihre Neigung zu mir die Prüfung meiner Leiden, so mußte sie von Trauer ergriffen werden und ihr Schmerz mein Elend nur erhöhen. Erkaltete dagegen mein Unglück ihr Herz, so mußte sie mir ihre Beständigkeit als ein Opfer anrechnen, und anstatt die Freude zu empfinden, die ich darüber hatte, mein letztes Stückchen Brot mit ihr zu theilen, konnte sie nur das Verdienst fühlen, welches sie sich durch den Wunsch erwarb, mir überall hin zu folgen, wohin mein Schicksal mich trieb.

Ich muß alles sagen. Da ich weder die Fehler meiner armen Mama noch meine eigenen verschwiegen habe, darf ich auch Theresen nicht mehr Gnade erweisen; und wie große Freude es mir auch macht, einer Person, die mir so theuer ist, alle Ehre anzuthun, so will ich doch auch ihr Unrecht nicht verhüllen, wenn anders ein unwillkürlicher Wechsel in den Neigungen des Herzens ein wirkliches Unrecht ist. Schon längst nahm ich eine Erkaltung des ihrigen wahr. Ich fühlte, daß sie mir nicht mehr das war, was sie mir in unsern schönen Jahren gewesen, und fühlte es um so mehr, als ich ihr stets derselbe war. Es trat bei mir derselbe Uebelstand ein, dessen Wirkung ich bei Mama empfunden hatte, und bei Therese war die Wirkung die nämliche. Suchen wir keine Vollkommenheiten, die die Grenzen der Natur überschreiten; bei jeder andern Frau, wer sie auch sein möchte, würde sich dasselbe zeigen. So überlegt mir auch meine Handlungsweise gegen meine Kinder vorgekommen war, so hatte sie mir doch nicht immer das Herz ruhig gelassen. Als ich über meine »Abhandlung über die Erziehung« nachdachte, fühlte ich, daß ich Pflichten verabsäumt hatte, von denen mich nichts befreien konnte. Meine Reue wurde endlich so groß, daß sie mir gleich am Anfange des »Emil« beinahe das öffentliche Geständnis meines Fehlers entriß, und die Stelle selbst ist so klar, daß es nach einer solchen Wunder nimmt, daß man den Muth gehabt hat, mir den Fehler Die Stelle findet sich im ersten Buche des Emil und beginnt: Wenn ein Vater Kinder erzeugt und aufzieht, so thut er damit erst den dritten Theil seiner Aufgabe. vorzuwerfen. Meine Lage war damals jedoch dieselbe und in Folge der Erbitterung meiner Feinde, die mich nur auf frischer That zu ertappen suchten, noch schlimmer. Ich fürchtete eine Wiederholung, und da ich mich dieser Gefahr nicht aussetzen wollte, so verurtheilte ich mich lieber zur Enthaltsamkeit, als Therese in die Gefahr zu bringen, sich abermals in derselben Lage zu sehen. Ueberdies hatte ich bemerkt, daß der Umgang mit Frauen meinen Zustand augenscheinlich verschlimmerte, Var. ... verschlimmerte. Das dafür Ersatz gebende Laster, von dem ich mich nie habe vollkommen heilen können, schien mir weniger nachtheilig; dieser doppelte Grund etc. dieser doppelte Grund hatte mich zu einem Entschlusse gedrängt, dem ich allerdings nicht immer treu geblieben bin, den ich jedoch seit drei oder vier Jahren mit größerer Festigkeit befolgte; und gerade seit dieser Zeit hatte ich auch bei Therese Erkaltung wahrgenommen; aus Pflichtgefühl hatte sie noch immer die gleiche Anhänglichkeit an mich, aber sie besaß sie nicht mehr aus Liebe. Dies nahm unserm Umgange einen Theil seiner Annehmlichkeit, und ich wähnte, daß sie meiner fortdauernden Fürsorge überall sicher, es vielleicht vorziehen würde, in Paris zu bleiben, anstatt mit mir umherzuirren. Gleichwohl hatte sie bei unsrem Scheiden so viel Schmerz gezeigt, so feste Versprechungen unserer Wiedervereinigung verlangt, sprach sie den Wunsch danach sowohl gegen den Prinzen von Conti wie gegen Herrn von Luxembourg so lebhaft aus, daß ich nicht nur nicht den Muth hatte, mit ihr von Trennung zu reden, sondern nicht einmal den, auch nur selbst daran zu denken; und nachdem ich in meinem Herzen gefühlt hatte, wie sehr es mir unmöglich war, mich ohne sie zu behelfen, dachte ich nur noch daran, sie sofort herbeizurufen. Ich forderte sie deshalb brieflich auf abzureisen, und sie kam. Ich hatte sie vor kaum zwei Monaten verlassen; aber es war seit so vielen Jahren unsere erste Trennung. Wir hatten sie beide bitter empfunden. Welche Ergriffenheit, als wir uns umarmten! Wie süß doch die Thränen der Zärtlichkeit und der Freude sind! Wie mein Herz sich darin badet! Weshalb hat man mir ihrer so wenige entlockt?

Nach meiner Ankunft in Motiers hatte ich an Lord Keith, Marschall von Schottland und Statthalter von Neufchâtel geschrieben, um ihm meine Flucht in die Staaten Seiner Majestät anzuzeigen und ihn um seinen Schutz zu bitten. Er antwortete mit dem Edelmuthe, den man an ihm kennt und ich von ihm erwartete. Er lud mich ein, ihn zu besuchen. Ich stellte mich ihm in Begleitung des Herrn Martinet vor, des Gerichtsverwalters im Val-de-Travers, der bei Seiner Excellenz sehr in Gnaden stand. Das ehrwürdige Aeußere dieses berühmten und tugendhaften Schotten rührte mein Herz mächtig, und sofort begann zwischen ihm und mir jene lebhafte Zuneigung, die von meiner Seite stets gleich geblieben ist und auch von der seinigen geblieben sein würde, wenn sich nicht die Verräther, die mir jeden Lebenstrost geraubt haben, meine Entfernung zu Nutze gemacht hätten, um sein Alter zu mißbrauchen und mich in seinen Augen in ein übles Licht zu setzen.

Georg Keith, Erbmarschall von Schottland und Bruder des berühmten General Keith, der glorreich lebte und auf dem Bette der Ehre starb, hatte sein Vaterland schon in seiner Jugend verlassen, weil er aus ihm wegen seines Anschlusses an das Haus Stuart verbannt worden war. Bald jedoch wandte er sich von demselben wieder ab in Folge des ungerechten und tyrannischen Geistes, der sich in jenem Hause bemerkbar machte und beständig dessen vorherrschenden Charakter bildete. Er hielt sich lange in Spanien auf, dessen Klima ihm sehr wohl bekam, und schloß sich endlich eben so wie sein Bruder dem Könige von Preußen an, der sich auf Menschen verstand und sie aufnahm, wie sie es verdienten. Für diese Aufnahme wurde er durch die großen Dienste, die ihm der Marschall Keith leistete, und durch etwas noch weit Kostbareres, nämlich durch die aufrichtige Freundschaft des Lord Marschall reichlich belohnt. Die große Seele dieses würdigen Mannes, der den ganzen republikanischen Stolz besaß, vermochte sich nur unter das Joch der Freundschaft zu beugen, beugte sich aber so vollkommen darunter, daß er bei völlig verschiedenen Grundsätzen von dem Augenblicke an, da er sich Friedrich angeschlossen hatte, ihn nur noch allein sah. Der König beauftragte ihn mit wichtigen Geschäften, schickte ihn nach Paris, nach Spanien und gab ihm endlich, als er ihn in seinem Alter der Ruhe bedürftig sah, als Ruheposten die Statthalterschaft über Neufchâtel mit der dem Herzen wohlthuenden Aufgabe, dort seine letzten Lebenstage damit zuzubringen, dieses kleine Völkchen glücklich zu machen.

Als die Neufchâteler, die nur Glanz und Flitter lieben und sich auf den wahren, innern Werth nicht verstehen und lange Redensarten für Geist halten, einen kalten Mann sahen, der von Förmlichkeiten nichts wissen wollte, nahmen sie seine Einfachheit für Stolz, seine Offenheit für bäurisches Wesen, seine gedrängte Kürze für Dummheit und verhielten sich gegen seine wohlwollende Fürsorge abwehrend, weil er in dem Streben nützlich zu sein und nicht um die Gunst des Volkes zu buhlen, den Leuten, vor denen er keine Achtung hatte, nicht zu schmeicheln verstand. In der lächerlichen Angelegenheit mit dem Prediger Petitpierre, der von seinen eigenen Amtsbrüdern vertrieben war, weil er nicht hatte zugeben wollen, daß sie ewig verdammt würden, sah der Lord, der den Anmaßungen der Prediger entgegengetreten war, wie sich das ganze Land, für das er Partei nahm, gegen ihn erhob; und als ich dort anlangte, hatte sich dieses wahnsinnige Wuthgeschrei noch nicht gelegt. Er galt wenigstens für einen Mann, der sich im voraus gewinnen ließ, und von allen Anschuldigungen, mit denen man ihn überhäufte, war diese vielleicht die am wenigsten ungerechte. Als ich diesen ehrwürdigen Greis erblickte, wurde ich zuerst von Rührung über die Magerkeit seines Körpers ergriffen, den die Jahre schon abgezehrt hatten; aber als ich die Augen zu diesem belebten, offenen und edlen Gesichte aufschlug, bemächtigte sich meiner eine mit Vertrauen gemischte Ehrfurcht, die jedes andre Gefühl zurückdrängte. Auf eine sehr kurze Höflichkeit, die ich ihm, als ich vor ihn hintrat, sagte, antwortete er, indem er von andern Dingen sprach, als ob ich schon acht Tage dagewesen wäre. Er forderte uns nicht einmal auf, uns zu setzen. Der wohlbeleibte Gerichtsverwalter blieb stehen. Ich für meine Person sah in des Lords durchdringendem und feinem Auge etwas so eigenthümlich Freundliches, daß ich mich augenblicklich heimisch fühlte und an seiner Seite auf dem Sopha Platz nahm. Dem vertraulichen Ton, den er sofort anschlug, merkte ich es an, daß er sich über diese Ungezwungenheit freute und daß er bei sich selber sagte: das ist kein Neufchâteler.

Merkwürdige Wirkung der großen Übereinstimmung der Charaktere! In einem Alter, in dem das Herz bereits seine natürliche Wärme verloren hat, erwärmte sich das dieses guten Greises für mich in einer alle Welt überraschenden Weise. Unter dem Vorwande Wachteln zu schießen, kam er nach Motiers, um mich zu besuchen, und blieb dort zwei Tage, ohne eine Flinte anzurühren. Es entstand zwischen uns eine solche Freundschaft, denn das ist das richtige Wort, daß wir nicht mehr ohne einander leben konnten. Das Schloß Colombier, welches er im Sommer bewohnte, lag sechs Stunden von Motiers. Spätestens alle vierzehn Tage ging ich hinüber, um dort vierundzwanzig Stunden zu weilen und pilgerte darauf, das Herz stets voll von ihm, in gleicher Weise zurück. Die leidenschaftliche Erregung, die ich ehemals auf meinen Ausflügen von der Eremitage nach Eaubonne empfand, war sicherlich eine ganz andere, aber sicherlich nicht süßer, als die, mit der ich mich Colombier näherte. Wie viele Thränen der Rührung habe ich oft auf meinem Wege vergossen, wenn ich der väterlichen Güte, der liebenswürdigen Tugenden und der milden Philosophie dieses ehrwürdigen Greises gedachte! Ich redete ihn Vater an, er mich Kind. Diese süßen Namen geben eine schwache Vorstellung von unserer gegenseitigen Zuneigung, aber noch keine davon, wie sehr wir einander nöthig hatten, und von dem unaufhörlichen Verlangen, uns nahe zu sein. Er wollte mich durchaus im Schlosse Colombier bei sich haben und bestürmte mich lange, die Wohnung, die ich dort einnahm, für immer zu behalten. Ich sagte ihm endlich, daß ich bei mir unabhängiger wäre, und daß es mir lieber wäre, wenn ich mein Leben lang zu ihm käme. Er billigte diese Offenherzigkeit und sprach mit mir nicht mehr davon. O guter Mylord! O mein würdiger Vater! Ach, die Barbaren! Welchen Schlag haben sie mir beigebracht, als sie dich mir entfremdeten! Aber nein, nein, großer Mann, du bist und wirst mir immer derselbe sein, wie ich immer derselbe bin. Sie haben dich hintergangen, aber sie haben dich nicht geändert.

Mylord Marschall ist nicht ohne Fehler; er ist ein Weiser, aber er ist ein Mensch. Bei dem durchdringendsten Geiste, bei dem feinsten Tacte, den man haben kann, bei der tiefsten Menschenkenntnis läßt er sich bisweilen täuschen und giebt dann nie wieder seine Ansicht auf. Er hat seltsame Launen und in seiner Sinnesart etwas überaus Wunderliches und Absonderliches. Er scheint die Leute, die er täglich steht, zu vergessen und erinnert sich ihrer in dem Augenblick, da sie es am wenigsten denken: seine Aufmerksamkeiten erscheinen dann unzeitig; seine Geschenke geschehen aus Laune und richten sich nicht immer nach den üblichen Rücksichten. Er schenkt oder schickt ohne Unterschied, und augenblicklich was ihm gerade einfällt, es mag von hohem Werthe oder ganz werthlos sein. Ein junger Genfer, der in den Dienst des Königs von Preußen zu treten wünschte, stellt sich ihm vor. Anstatt eines Briefes giebt ihm Mylord ein Säckchen voll Erbsen mit dem Auftrage, es dem Könige zu überbringen. Nach Entgegennahme dieser sonderbaren Empfehlung giebt ihm der König sofort eine Anstellung. Diese erhabenen Genies haben untereinander eine Sprache, die gewöhnliche Geister nie verstehen werden. Diese kleinen Seltsamkeiten, die den Launen einer hübschen Frau ähneln, machten mir den Lord Marschall nur noch interessanter. Ich war fest überzeugt und habe es in der Folge zur Genüge erfahren, daß sie auf seine Gesinnungen und auf die Pflichten, die ihm die Freundschaft bei ernsten Gelegenheiten vorschrieb, keinen Einfluß ausübten. Wahr ist jedoch, daß er in seine Art zu verpflichten, dieselbe Sonderbarkeit wie in sein Benehmen legte. Ich will zum Beweise nur eine einzige Anekdote anführen, bei der es sich um eine Kleinigkeit handelte. Da mir die Reise von Motiers nach Colombier für einen Tag zu lang war, theilte ich sie gewöhnlich, indem ich nach dem Mittagsessen aufbrach und auf dem halben Wege in Brot übernachtete. Als der Wirth, Namens Sandoz, in Berlin um eine Gnade eingekommen, die für ihn von äußerster Wichtigkeit war, bat er mich, ihm die Fürsprache Seiner Excellenz zu verschaffen. Gern. Ich nehme ihn mit mir; ich lasse ihn im Vorzimmer und spreche über seine Angelegenheit mit Mylord, der mir nichts antwortet. Der Vormittag vergeht; als ich, um mich nach dem Eßzimmer zu begeben, das Vorzimmer durchschreite, sehe ich den armen Sandoz, der immer noch wartet. In der Meinung, Mylord hätte seiner vergessen, fange ich, ehe wir uns zu Tische setzen, noch einmal davon an; wieder kein Wort wie vorher. Ich fand diese Art, mir verständlich zu machen, daß ich ihm lästig fiele, ein wenig rücksichtslos und schwieg, indem ich den armen Sandoz im Stillen beklagte. Auf dem Rückwege am andern Tage war ich über die Danksagungen äußerst überrascht, die er mir wegen der guten Aufnahme und des guten Mittagsessens abstattete, welche er bei Seiner Excellenz erhalten hatte. Selbst seine Papiere hatte derselbe an sich genommen. Drei Wochen später sandte ihm Mylord das erbetene Rückschreiben, vom Minister ausgefertigt und vom König unterschrieben, und das geschah, ohne daß er mir oder dem Wirthe auch nur ein einziges Wort über eine Angelegenheit hatte sagen oder antworten wollen, mit der er, wie ich glaubte, nichts zu schaffen haben wollte.

Ich möchte gar nicht aufhören von Georg Keith zu reden, sind doch an ihn meine letzten glücklichen Erinnerungen geknüpft; alle meine übrigen Lebenstage sind Trübsal und Herzenskummer gewesen. Das Andenken daran ist so traurig und steigt so wirr in mir auf, daß es mir unmöglich ist, Ordnung in meine Erzählungen zu bringen; von nun an bin ich gezwungen, die Ordnung dem Zufall zu überlassen, je nachdem meine Erlebnisse mir vor der Seele vorüberziehen.

Es dauerte nicht lange, so wurde ich aus meiner Unruhe über mein Asyl durch die Antwort des Königs an Mylord Marschall gerissen, an dem ich, wie man denken kann, einen guten Fürsprecher gefunden hatte. Seine Majestät war nicht allein mit seiner Handlungsweise einverstanden, sondern beauftragte ihn auch, (denn ich muß alles sagen), mir zwölf Louisd'or auszuzahlen. Verlegen über einen solchen Auftrag und nicht wissend, wie er denselben in anständiger Form ausrichten sollte, bemühte sich der gute Mylord, das Beleidigende darin abzuschwächen, indem er dieses Geld als einen Zuschuß zu meinem Unterhalte erklärte und mir anzeigte, er hätte Befehl, mir Holz und Kohlen zu liefern, damit ich meine kleine Haushaltung beginnen könnte. Er fügte sogar und vielleicht aus eigenem Antriebe hinzu, der König würde mir gern ein Häuschen nach meinem Geschmacke bauen lassen, wenn ich mir eine Stelle dazu auswählen wollte. Dieses letzte Anerbieten rührte mich sehr und ließ mich die Kargheit des andern vergessen. Obgleich ich keines von beiden annahm, betrachtete ich Friedrich als meinen Wohlthäter und Beschützer und war ihm so aufrichtig zugethan, daß ich mich von da an eben so sehr für seinen Ruhm interessirte, als ich bisher in seinen Erfolgen Ungerechtigkeit erblickt hatte. Bei dem Frieden, den er kurz darauf schloß, legte ich meine Freude durch eine höchst geschmackvolle Illumination an den Tag; sie bestand in gewundenen Lampenreihen, mit denen ich das von mir bewohnte Haus schmückte, wobei ich allerdings den rachsüchtigen Stolz hatte, fast eben so viel Geld auszugeben, wie er mir hatte schenken wollen. Nach geschlossenem Frieden glaubte ich, er würde, da sein kriegerischer und politischer Ruhm seinen Gipfel erreicht hatte, es sich nun angelegen sein lassen, sich einen andern zu erwerben, indem er seine Staaten wieder belebte und Handel und Ackerbau in ihnen in Aufschwung brächte, gleichsam einen neuen Boden mit einer neuen Bevölkerung schaffte, den Frieden unter all seinen Nachbarn aufrecht erhielte und sich zum Schiedsrichter Europas machte, nachdem er der Schrecken desselben gewesen war. Er konnte ohne Gefahr den Degen niederlegen, vollkommen sicher, daß man ihn nicht zwingen würde, von neuem nach ihm zu greifen. Als ich sah, daß er nicht entwaffnete, besorgte ich, daß er seinen Vortheil übel anwendete und nur halb groß wäre. Ich wagte in Bezug darauf an ihn zu schreiben, wobei ich jenen vertraulichen Ton, der Männern von seinem Schlage zu gefallen pflegt, anschlug und die heilige Stimme der Wahrheit, die so wenige Könige zu hören fähig sind, bis zu ihm dringen zu lassen. Nur im Geheimen, allein zwischen ihm und mir, nahm ich mir diese Freiheit. Nicht einmal Mylord Marschall machte ich zum Mitwisser, sondern sandte ihm meinen Brief an den König versiegelt. Mylord schickte den Brief ab, ohne sich nach seinem Inhalte zu erkundigen. Der König gab mir keine Antwort und sagte nur einige Zeit später zum Mylord Marschall, der nach Berlin gereist war, ich hätte ihn tüchtig ausgescholten. Daraus ersah ich, daß mein Brief übel aufgenommen und der Freimuth meines Eifers für die Ungeschliffenheit eines Pedanten ausgelegt worden war. Eine solche konnte mein Brief auch möglicher Weise sein; vielleicht sagte ich nicht, was ich hätte sagen müssen, und schlug den Ton nicht an, der sich geziemt hätte. Ich kann nur für die Gesinnung einstehen, die mir die Feder in die Hand gedrückt hatte.

Bald nach meiner Niederlassung in Motiers-Travers, wo ich alle nur mögliche Gewähr hatte, daß man mich dort in Frieden lassen würde, legte ich die armenische Tracht an. Dies war keine neue Idee; sie war im Laufe meines Lebens wiederholentlich an mich herangetreten und stellte sich namentlich in Montmorency wieder häufig bei mir ein, wo ich durch die öftere Anwendung der Sonden, die mich nicht selten zum Hüten des Zimmers verurtheilte, alle Vortheile der langen Kleidung besser würdigen lernte. Die mir durch einen armenischen Schneider, der einen in Montmorency wohnenden Verwandten oft besuchte, dargebotene Gelegenheit führte mich in Versuchung, dieselbe zu benutzen, um diese neue Tracht allem Gerede zum Trotz, um das ich mich sehr wenig kümmerte, anzunehmen. Ehe ich sie jedoch anlegte, wollte ich die Ansicht der Frau von Luxembourg darüber hören, die mir sehr zu ihrer Annahme rieth. Ich ließ mir deshalb eine kleine armenische Garderobe anfertigen; aber in Folge des gegen mich erregten Sturmes verschob ich die Benutzung auf ruhigere Zeiten, und erst einige Monate später, als ich durch neue Anfälle gezwungen war, wieder meine Zuflucht zu den Sonden zu nehmen, glaubte ich diese neue Tracht ohne Gefahr in Motiers annehmen zu können, namentlich nach einer Berathung mit dem Ortspfarrer, der mir erklärte, daß ich sie selbst in der Kirche ohne Anstoß tragen könnte. Ich legte also das orientalische Unterkleid, den Kaftan, die verbrämte Mütze und den Gürtel an, und nachdem ich in dieser Tracht dem Gottesdienste beigewohnt hatte, erblickte ich nichts Unziemliches darin, sie bei Mylord Marschall zu tragen. Als mich Seine Excellenz so gekleidet sah, war ihr ganzer Gruß »Salamaleki«, damit war alles zu Ende, und ich trug keine andre Kleidung mehr.

Nachdem ich von der Literatur völlig Abschied genommen hatte, dachte ich nur noch daran, ein ruhiges und angenehmes Leben zu führen, soweit es von mir abhängen würde. Für mich allein habe ich nie die Langeweile kennen gelernt, nicht einmal bei dem vollkommensten Müßiggange; meine jede Leere ausfüllende Einbildungskraft reichte schon allein hin, um mich zu beschäftigen. Nur das unthätige Geschwätz, wenn man im Zimmer einander gegenüber sitzend nur immerfort die Zunge bewegt, habe ich niemals ertragen können. Beim Gehen, beim Lustwandeln mag es noch sein; die Füße und die Augen thun doch wenigstens etwas; aber mit gekreuzten Armen dasitzen, vom Wetter und den umherschwirrendeu Fliegen reden oder, was noch schlimmer ist, sich gegenseitig Schmeicheleien sagen, ist für mich eine unleidliche Qual. Um nicht wie ein Wilder zu leben, nahm ich mir vor, nesteln zu lernen. Ich nahm bei meinen Besuchen mein Kissen mit oder setzte mich wie die Frauen mit meiner Arbeit an die Thür und plauderte mit den Vorübergehenden. Dies ließ mich die Leerheit des Geschwätzes ertragen und meine Zeit ohne Langeweile bei meinen Nachbarinnen zubringen, von denen mehrere ziemlich liebenswürdig und sogar nicht ohne Geist waren. Eine unter andern, Isabella von Ivernois, die Tochter des Generalprocurators von Neufchâtel, schieb mir hervorragend genug, um mit ihr ein ganz besonders freundschaftliches Verhältnis anzuknüpfen, das ihr wegen der guten Rathschläge, die ich ihr ertheilt, und wegen der Dienste, die ich ihr bei wahren Lebensfragen geleistet habe, sehr vortheilhaft gewesen ist. Jetzt eine würdige und tugendhafte Familienmutter, verdankt sie mir vielleicht die Klarheit ihres Verstandes, ihren Gatten, ihr Leben und ihr Glück. Ich meinerseits verdanke ihr sehr süße Tröstungen, namentlich während eines sehr trübseligen Winters, wo sie mitten in meinen Leiden und Schmerzen in Theresens und meiner Gesellschaft lange Abende bei uns zubrachte, die sie uns durch den Zauber ihres Geistes und durch unsere gegenseitigen Herzensergießungen sehr zu verkürzen verstand. Sie redete mich Papa und ich sie Tochter an, und diese Anreden, deren wir uns noch gegenseitig bedienen, werden ihr, wie ich hoffe, immerdar eben so theuer sein wie mir. Um meinen Nesteln irgend eine Verwendung zu geben, schenkte ich sie meinen jungen Freundinnen bei ihrer Verheirathung unter der Bedingung, daß sie ihre Kinder selbst stillen sollten. Ihre ältere Schwester bekam eine unter dieser Bedingung und hat sie erfüllt; Isabella bekam ebenfalls eine und hat sie durch ihre Gesinnung nicht weniger verdient; aber sie hat nicht das Glück gehabt, ihren Willen durchsetzen zu können. Bei der Übersendung dieser Nesteln schrieb ich an jede von beiden einen Brief, von denen der erste die Runde durch die Welt gemacht hat; dem zweiten wurde jedoch nicht soviel Aufsehen zu Theil: die Freundschaft tritt nicht so geräuschvoll auf.

Unter den Verbindungen, die ich in meiner Nachbarschaft anknüpfte und auf deren Schilderung im Einzelnen ich mich nicht einlassen will, muß ich die mit dem Obrist Pury anführen, der im Gebirge ein Haus besaß, in welchem er die Sommer zubrachte. Ich hatte keine sehr große Lust, seine Bekanntschaft zu machen, weil ich wußte, daß er bei Hofe und Mylord Marschall, den er nicht besuchte, sehr mißliebig war. Da er mich indessen besuchte und mir viele Artigkeiten erwies, mußte ich ihm einen Gegenbesuch abstatten. Die Bekanntschaft wurde fortgesetzt und wir aßen mitunter abwechselnd bei einander. Bei ihm machte ich die Bekanntschaft des Herrn Du Peyrou, die schließlich in eine zu innige Freundschaft überging, als daß ich ihn unerwähnt lassen könnte.

Herr Du Peyrou war ein Amerikaner, Sohn eines Commandanten von Surinam, dessen Nachfolger, Herr von Chambrier aus Neufchâtel, die Witwe heirathete. Zum zweiten Male verwitwet, ließ sie sich mit ihrem Sohne in der Heimat ihres zweiten Gatten nieder. Du Peyrou, der als einziger Sohn sehr reich war und von seiner Mutter zärtlich geliebt wurde, hatte eine ziemlich sorgfältige und auch recht erfolgreiche Erziehung erhalten. Er hatte sich viel Halbwissen angeeignet, verstand sich etwas auf die Künste und that sich namentlich etwas auf die Ausbildung seines Verstandes zu Gute; sein holländisches, kaltes und philosophisches Wesen, seine schwarzbraune Gesichtsfarbe, sein stilles und verstecktes Benehmen begünstigten diese Meinung sehr. Obgleich noch jung, war er taub und gichtleidend. Dies gab allen seinen Bewegungen etwas sehr Gesetztes und Ernstes, und obwohl er Wortgefechte liebte und sie bisweilen sogar ein wenig lange fortführte, sprach er im allgemeinen doch wenig, weil er eben nicht gut hörte. Dieses ganze Aeußere machte Eindruck auf mich. »Das ist ein Denker«, sagte ich mir, »ein Weiser, den man sich glücklich schätzen müßte als Freund zu besitzen.« Um mich vollends einzunehmen, richtete er oft das Wort an mich, ohne mir je eine besondere Höflichkeit zu sagen. Er sprach mit mir wenig über mich, wenig über meine Bücher und sehr wenig über sich. Er war nicht arm an Ideen, und alles, was er sagte, war ziemlich richtig. Dieses Richtige und dieses Gleichmäßige an ihm zogen mich an. Sein Geist hatte nicht den Schwung und die Feinheit, durch die sich der Geist des Mylord Marschall auszeichnete, wohl aber dessen Einfachheit; dadurch gewährte er immer einigen Ersatz für diesen. Ich schwärmte nicht für ihn, aber ich gewann ihn aus Achtung lieb, und nach und nach wurde aus der Achtung Freundschaft. Ihm gegenüber vergaß ich ganz und gar den Einwand, den ich gegen den Baron von Holbach ausgesprochen hatte, daß er zu reich wäre, und ich glaube, ich hatte hierin Unrecht. Ich habe zweifeln gelernt, daß ein Mensch, der sich des Genusses eines sehr großen Vermögens erfreut, wer er auch sonst sein möge, meine Grundsätze und die Person, von der sie herrühren, aufrichtig zu lieben vermag.

Ziemlich lange Zeit hindurch sah ich Du Peyrou wenig, weil ich nicht nach Neufchâtel ging und er nur einmal im Jahre den Obrist Pury im Gebirge besuchte. Weshalb ging ich nicht nach Neufchâtel? Es ist eine Kinderei, die ich nicht verschweigen darf.

Wenn ich auch als Schützling des Königs von Preußen und des Lord Marschalls in meinem Asyle anfangs der Verfolgung entging, so entging ich trotzdem nicht der Mißachtung des Publikums, der Stadtbehörden und der Prediger. Nachdem von Frankreich der Anstoß gegeben war, hätte es gegen den guten Ton verstoßen, mir nicht wenigstens irgend eine Beleidigung zuzufügen; man hätte besorgt, sich den Anschein zu geben, als mißbilligte man meine Verfolger, wenn man sie nicht nachahmte. Die maßgebenden Kreise Neufchâtels, das heißt die Genossenschaft der Geistlichkeit gab das Alarmzeichen, indem sie den Staatsrath wider mich aufzureizen suchte. Da dieser Versuch erfolglos war, wandten sich die Geistlichen an den Stadtrat, der sofort mein Buch verbieten ließ und mir dadurch, daß er mich bei jeder Gelegenheit wenig höflich behandelte, zu verstehen gab und es sogar offen aussprach, daß man meinem etwaigen Wunsche, mich in der Stadt niederzulassen, nicht entsprochen haben würde. Sie füllten ihren »Merkur« mit Albernheiten und dem scheinheiligsten Gesalbader an, das die verständigen Leute zwar zum Lachen reizte, aber trotzdem nicht das Volk zu erhitzen und gegen mich aufzuhetzen unterließ. Nichtsdestoweniger mußte ich ihres Bedünkens sehr dankbar für die außerordentliche Gnade sein, daß sie meinen Aufenthalt in Motiers duldeten, wo sie keine Gewalt hatten; sie hätten mir die Luft gern ellenweise zugemessen, unter der Bedingung, daß ich sie recht theuer bezahlte. Nach ihrem Verlangen sollte ich ihnen für den Schutz, den mir der König ihnen zum Trotze gewährte, und an dessen Entziehung sie unaufhörlich arbeiteten, sehr verbunden sein. Kurz, nachdem sie mir vergeblich alles mögliche Leid zugefügt und mich vergeblich aus allen Kräften verschrien hatten, rechneten sie sich ihre Ohnmacht als Verdienst an, indem sie mir ihre Güte vorhielten, mich in ihrem Gebiete zu dulden. Statt aller Antwort hätte ich ihnen ins Gesicht lachen sollen; aber ich war albern genug, mich verletzt zu fühlen, und beging die Thorheit, nicht nach Neufchâtel gehen zu wollen, und bei diesem Entschlusse blieb ich fast zwei Jahre, als ob es für dergleichen Persönlichkeiten nicht eine viel zu große Ehre wäre, ihre Handlungsweise zu beachten, die, gut oder schlecht, ihnen nicht angerechnet werden kann, da sie stets nur auf fremden Antrieb handeln. Ungebildete und einsichtsvolle Geister, die als Gegenstände ihrer Achtung nur Einfluß, Macht und Geld kennen, sind überdies schon von der bloßen Ahnung weit entfernt, daß man Talenten einige Rücksicht schuldig ist und es zur Schande gereicht, sie zu beleidigen.

Ein gewisser Schulze, der wegen seiner Veruntreuungen abgesetzt war, sagte zu dem Richter des Val-de-Travers, dem Gatten meiner Isabella: »Dieser Rousseau soll soviel Geist haben; bringen Sie ihn doch zu mir, damit ich mich überzeuge, ob es wahr ist.« Wahrlich, die Mißstimmung eines Mannes, gegen den man einen solchen Ton anschlägt, darf die, gegen die er sie ausläßt, wenig wundern.

Nach der Weise, wie man mich in Paris, in Genf, in Bern und sogar in Neufchâtel behandelte, erwartete ich von dem Ortspfarrer keine größere Schonung. Ich war ihm indessen von Frau Boy de la Tour empfohlen worden, und er hatte mich freundlich aufgenommen; aber in diesem Lande, wo man jedermann in gleicher Weise schmeichelt, haben Zuvorkommenheiten keine Bedeutung. Nach meinem feierlichen Wiedereintritt in die reformirte Kirche konnte ich jedoch, zumal ich in einem reformirten Lande lebte, ohne Verletzung meiner Gelübde und meiner Bürgerpflicht die öffentliche Theilnahme an dem Cultus, in den ich wieder eingetreten war, nicht vernachlässigen; ich wohnte deshalb den Gottesdiensten bei. Andrerseits hegte ich die Befürchtung, mich, wenn ich am Tische des Herrn erschiene, dem Schimpfe einer Zurückweisung auszusetzen, und es war durchaus nicht wahrscheinlich, daß er mich nach dem vom Genfer Rathe und der Neufchâteler Geistlichkeit erhobenen Lärme in seiner Kirche ruhig zu dem Genusse des heiligen Abendmahls zulassen würde. Als die dort übliche Communionszeit heranrückte, entschloß ich mich, an Herrn von Montmollin (so hieß nämlich der Prediger) zu schreiben, um ihn von meiner löblichen Absicht in Kenntnis zu setzen und ihm zu erklären, daß ich im Herzen stets auf dem Boden der protestantischen Kirche gestanden hätte. Gleichzeitig zeigte ich ihm an, um allen falschen Auslegungen hinsichtlich meiner Ansichten über die Glaubensartikel aus dem Wege zu gehen, daß ich eine besondere Besprechung über das Dogma nicht wünschte. Nachdem ich nach dieser Seite hin meine Maßregeln ergriffen hatte, wartete ich in aller Ruhe, nicht zweifelnd, daß mir Herr von Montmollin ohne vorausgehende Erörterung, die ich von der Hand wies, die Zulassung verweigern würde, und daß damit ohne meine Schuld alles zu Ende wäre. Trotzdem war es nicht der Fall. Als ich es am wenigsten erwartete, kam Herr von Montmollin, um mir zu erklären, daß er mich nicht allein unter dem von mir verlangten Vorbehalte zur Communion zuließe, sondern auch daß er und seine Kirchenältesten es sich zur Ehre anrechneten, mich zu ihrer Gemeinde zu zählen. Nie hatte ich in meinem Leben eine ähnliche noch eine tröstlichere Ueberraschung. Stets vereinsamt auf Erden leben schien mir ein sehr trauriges Loos, besonders im Unglücke. Inmitten so vieler Verbannungen und Verfolgungen war es mir ein ungemein süßes Gefühl, mir sagen zu können: wenigstens bin ich unter meinen Brüdern; und ich ging zum Tische des Herrn mit einer Erregung des Herzens und mit Thränen der Rührung, die vielleicht die Gott wohlgefälligste Vorbereitung waren, die man dazu mitbringen konnte.

Einige Zeit nachher sandte mir Mylord einen Brief von Frau, von Boufflers, dessen Besorgung nach meiner Vermuthung d'Alembert, der Mylord Marschall kannte, übernommen hatte. In diesem Briefe, dem ersten, den diese Dame seit meiner Abreise von Montmorency an mich geschrieben hatte, schalt sie mich heftig über mein Schreiben an Herrn von Montmollin, wie besonders darüber aus, daß ich communicirt hatte. Ich begriff um so weniger, was sie mit diesem Verweise im Schilde führte, als ich mich seit meiner Genfer Reise stets laut für einen Protestanten erklärt und ganz öffentlich die Gottesdienste in der holländischen Gesandtschaftskapelle besucht hatte, ohne daß irgend jemand etwas Anstößiges darin gefunden. Es kam mir komisch vor, daß sich Frau Gräfin von Boufflers damit beschweren wollte, mir in religiösen Angelegenheiten ihren Rath zu ertheilen. Da ich jedoch nicht zweifelte, daß ihre Absicht, so unbegreiflich sie auch war, die beste von der Welt sein müßte, so fühlte ich mich über diesen eigenthümlichen Ausfall nicht gekränkt und antwortete ihr ohne leidenschaftliche Erregung unter Darlegung meiner Gründe.

Die gedruckten Beleidigungen gingen inzwischen ungestört weiter und ihre wackeren Verfasser machten den Regierungen den Vorwurf, mich allzu milde zu behandeln. Dieses einstimmige Gekläff einer Meute, die nach wie vor unter dem Schleier verhüllt ihr Wesen trieb, hatte etwas Unheimliches und Erschreckendes. Ich für meine Person ließ sie schimpfen, ohne mich zu rühren. Man versicherte, die Sorbonne hätte mein Werk verdammt; ich glaubte es nicht. Wie konnte sich die Sorbonne in diese Angelegenheit mischen? Wollte sie erklären, daß ich kein Katholik wäre? Alle Welt wußte es. Wollte sie beweisen, ich wäre kein guter Calvinist? Was ging es sie an? Damit hätte sie sich eine eigenthümliche Mühe gegeben, damit hätte sie sich zum Vertreter unserer Geistlichkeit aufgeworfen. Ehe ich diese Schrift gesehen hatte, glaubte ich, man hätte sie unter dem Namen der Sorbonne in Umlauf gesetzt, um sich über dieselbe lustig zu machen; und als ich sie gelesen hatte, glaubte ich es sogar noch weit mehr. Als ich an ihrer Echtheit endlich nicht mehr zweifeln konnte, drängte sich mir die Ueberzeugung auf, daß die Sorbonne für das Irrenhaus reif wäre.

1763

Eine andere Schrift berührte mich desto empfindlicher, weil sie von einem Manne herrührte, vor dem ich stets Hochachtung gehegt, und dessen Beständigkeit ich bewunderte, während ich seine Verblendung bedauerte. Ich rede von dem Erlaß des Erzbischofs von Paris wider mich.

Ich glaubte es mir schuldig zu sein, darauf zu antworten. Ich konnte es, ohne mich zu erniedrigen; es war ein Fall, der dem mit dem Könige von Polen ungefähr ähnlich war. Ich habe rohe Zänkereien nach Voltaire'scher Manier nie geliebt. Ich verstehe mich nur mit Würde zu schlagen und verlange, wenn ich mich zur Vertheidigung herablassen soll, daß mein Angreifer meine Schläge nicht ehrlos macht. Ich zweifelte nicht, daß dieser Erlaß ein Machwerk der Jesuiten wäre, und obgleich sie damals selbst unglücklich waren, erkannte ich doch darin ihren alten Grundsatz, die Unglücklichen zu vernichten. Ich konnte demnach auch meinem alten Grundsatz treu bleiben, den vorgeschützten Verfasser zu ehren und das Werk zu zermalmen; und das glaube ich mit ziemlichem Erfolge gethan zu haben.

Ich fand den Aufenthalt in Motiers sehr angenehm und um mich zu dem Entschluß zu bringen, dort meine Lebenstage zu beschließen, fehlte mir nur ein sicherer Unterhalt; aber man lebt dort ziemlich theuer, und ich hatte durch die Auflösung meines Haushalts, durch die Einrichtung eines neuen, durch den Verkauf oder die Vertheilung aller meiner Möbel und durch die Ausgaben, die ich seit meiner Abreise von Montmorency hatte machen müssen, alle meine alten Pläne dahinsinken sehen. Ich sah das kleine Kapital, das ich in Händen hatte, sich täglich vermindern. Zwei oder drei Jahre genügten, den Rest zu verzehren, ohne daß ich ein Mittel, es zu erneuern, sah, wenn ich mich nicht wieder auf die Schriftstellerei, dieses verhängnisvolle Handwerk, dem ich bereits entsagt hatte, verlegen wollte.

Ueberzeugt, daß in meinen Verhältnissen bald ein Umschlag eintreten müßte, und daß das Publikum, von seiner Tollheit zurückgekommen, die Regierungen zum Erröthen über ihre eigene bringen würde, suchte ich meine Hilfsquellen nur bis zu dieser glücklichen Wendung zu verlängern, die mir unter den sich darbietenden Mitteln eine freiere Wahl gestattete. Deshalb nahm ich mein »Musikalisches Wörterbuch« wieder vor, welches eine zehnjährige Arbeit schon weit gefördert hatte; ich brauchte nur die letzte Hand anzulegen und es dann noch ins Reine zu schreiben. Meine Bücher, welche mir vor kurzem nachgesandt waren, setzten mich in den Stand, dieses Werk zu vollenden. Meine Papiere, die gleichzeitig angelangt waren, ermöglichten mir den Beginn meiner Denkwürdigkeiten, mit denen ich mich künftighin einzig und allein beschäftigen wollte. Ich fing damit an, die Briefe in eine Sammlung einzutragen, die meinem Gedächtnisse bei der Feststellung der Reihenfolge der Thatsachen und Zeiten behilflich sein konnte. Ich hatte die Sichtung derer, die ich zu diesem Zwecke aufheben wollte, bereits vorgenommen, und ihre Reihe war während beinahe zehn Jahre nirgends unterbrochen. Bei ihrer Ordnung behufs der Abschrift fand ich indessen eine Lücke, die mich überraschte. Sie umfaßte beinahe sechs Monate, nämlich vom October 1756 bis zum folgenden März. Ich erinnerte mich genau, unter die gesichteten Papiere eine Anzahl Briefe von Diderot, von Deleyre, von Frau von Epinay, von Frau von Chenonceaux u.s.w. aufgenommen zu haben, welche diese Lücke ausfüllten und sich nicht mehr vorfanden. Was war aus ihnen geworden? Hatte jemand während der wenigen Monate, die meine Papiere in dem Hotel Luxembourg geblieben waren, Hand an sie gelegt? Das ließ sich nicht annehmen; ich hatte selbst gesehen, daß der Herr Marschall den Schlüssel zu dem Zimmer, in das ich sie gelegt, an sich genommen hatte. Da mehrere Briefe von Frauen und Diderots sämmtliche ohne Datum waren und ich mich gezwungen gesehen hatte, diese Data aus dem Gedächtnis und nur ungewiß nachzuholen, um die Reihenfolge dieser Briefe zu ordnen, so glaubte ich mich anfangs in der Zeitangabe geirrt zu haben und musterte alle Briefe, die kein Datum hatten oder auf denen ich es erst ergänzt hatte, um zu sehen, ob ich unter ihnen nicht die auffinden würde, welche diese Lücke ausfüllen mußten. Dieser Versuch war erfolglos; ich sah, daß es sich hier wirklich um eine Lücke handelte und die Briefe unstreitig genommen waren. Von wem und weshalb? Das war mir unfaßbar. Diese Briefe, die meinen großen Streitigkeiten vorausgingen und aus der Zeit meiner ersten Trunkenheit für die »Julie« stammten, konnten niemand interessiren. Sie enthielten höchstens einige Klatschereien Diderots, einige Witzeleien Deleyres, einige Freundschaftsbezeigungen der Frau von Chenonceaux oder sogar der Frau von Epinay, mit der ich damals auf bestem Fuße stand. Wem konnte an diesen Briefen gelegen sein? Was wollte man mit ihnen anfangen? Erst sieben Jahre später habe ich die schändliche Absicht dieses Diebstahls geargwöhnt.

In Folge des augenscheinlichen Fehlens dieser Briefe suchte ich unter meinen Concepten, ob ich auch unter ihnen einige vermissen würde. Ich konnte mehrere nicht finden, was mich bei meinem schwachen Gedächtnisse das Fehlen noch anderer in der Menge meiner Papiere annehmen ließ. Ich wurde gewahr, daß das Concept der »Sensitiven Moral« sowie das zu dem Auszuge ans den »Abenteuern des Lord Eduard« verschwunden waren. Das Fehlen des letzteren lenkte, wie ich gestehe, meinen Verdacht auf Frau von Luxembourg. Ihr Kammerdiener La Roche hatte diese Papiere an mich abgesandt und sie allein in der Welt konnte meines Bedünkens Interesse an diesem Wische nehmen. Was für ein Interesse konnte sie jedoch an dem andern und den geraubten Briefen nehmen, von denen man selbst bei böser Absicht keinen mir nachtheiligen Gebrauch machen konnte, falls man keine Fälschung vornehmen wollte? Den Herrn Marschall, dessen unerschütterliche Redlichkeit und aufrichtige Freundschaft für mich ich kannte, konnte ich nicht einen Augenblick in Verdacht haben. Ich konnte diesen Verdacht nicht einmal gegen die Frau Marschall festhalten. Nach langem Nachsinnen, um den Urheber dieses Diebstahls zu entdecken, schien es mir am vernünftigsten, d'Alembert dafür zu halten, der sich schon damals bei Frau von Luxembourg eingenistet und Gelegenheit gefunden haben konnte, diese Papiere zu durchsuchen und aus ihnen an Manuscripten wie an Briefen mitzunehmen, was ihm gefallen hatte, sei es nun, um jemand mit mir zu verfeinden, oder um sich anzueignen, was ihm etwa zusagte. Ich nahm an, daß er durch den Titel der »Sensitiven Moral« irregeleitet, darin den Plan zu einem vollständigen Lehrbuche über den Materialismus zu finden geglaubt hatte, den er, wie man sich vorstellen kann, nach Kräften gegen mich verwerthet haben würde. Ueberzeugt, daß er bei Durchsicht des Conceptes bald enttäuscht sein würde, und entschlossen, mich von der Literatur ganz zurückzuziehen, beunruhigte ich mich wenig über diese Entwendungen, die nicht die ersten von derselben Hand In seinen »Elementen der Musik« hatte ich vieles gefunden, das dem, was ich über diese Kunst für die Encyklopädie geschrieben und was ihm mehrere Jahre vor dem Erscheinen seiner Elemente zugestellt worden, entnommen war. Ich weiß nicht, welchen Antheil er an einem Buche haben konnte, welches den Titel »Wörterbuch der schönen Künste« führte, allein ich habe darin von den meinigen Wort für Wort abgeschriebene Artikel gefunden, und zwar lange bevor diese nämlichen Artikel in der Encyklopädie gedruckt waren. waren, welche ich, ohne mich darüber zu beklagen, geduldet hatte. Bald dachte ich an diese Treulosigkeit nicht mehr, als hätte man gar keine gegen mich verübt, und ich schickte mich an, die Materialien, die man mir gelassen hatte, wieder zu ordnen, um an meinen »Bekenntnissen« zu arbeiten.

Lange hatte ich geglaubt, daß in Genf die Gastlichkeit oder wenigstens die wirklichen Bürger und die Meister gegen die Verletzung des Religonsedictes, die in der gegen mich erlassenen Verfügung lag, Einspruch erheben würden. Alles blieb ruhig, wenigstens äußerlich, denn es war eine allgemeine Unzufriedenheit vorhanden, die nur auf eine Gelegenheit wartete, um sich kund zu thun. Meine Freunde, oder doch meine sogenannten Freunde, schrieben Briefe über Briefe an mich, in denen sie mich aufforderten, zu kommen und mich an ihre Spitze zu stellen, und mir eine öffentliche Ehrenerklärung von Seiten des Rathes zusicherten. Die Besorgnis vor Unordnung und Unruhen, die meine Gegenwart hervorrufen konnte, hielt mich ab, auf ihre Bitten einzugehen; und treu dem Eide, den ich einst abgelegt hatte, mich in meiner Vaterstadt nie in einen bürgerlichen Zwist einzulassen, wollte ich lieber die mir zugefügte Beleidigung bestehen lassen und mich für immer aus meiner Heimat verbannen, als mir die Rückkehr dahin durch gewaltsame und gefährliche Mittel bahnen. Allerdings hatte ich von der Bürgerschaft gesetzliche und friedliche Vorstellungen wider eine Rechtsverletzung, die sie selbst im hohen Grade berührte, erwartet. Diese unterblieben völlig. Ihre Anführer suchten weniger die wirkliche Abstellung von Beeinträchtigungen, als die Gelegenheit, sich nothwendig zu machen. Man schmiedete Ränke, aber man schwieg und ließ die Schwätzer und Scheinheiligen oder ähnliches Gelichter belfern, die der Rath vorschob, um mich bei der großen Menge verhaßt zu machen und seine Albernheit dem religiösen Eifer zuschreiben zu können.

Nachdem ich vergeblich länger als ein Jahr gewartet hatte, daß jemand gegen ein ungesetzliches Verfahren einschritte, faßte ich endlich einen Entschluß. Da ich mich von meinen Mitbürgern verlassen sah, war es mein fester Vorsatz auf meine undankbare Vaterstadt zu verzichten, in der ich nie gelebt, von der ich weder eine Wohlthat noch eine Freundlichkeit empfangen hatte, und von der ich mich zum Lohne für die Ehre, die ich ihr zu machen gesucht, unter einstimmiger Beipflichtung, indem die, welche hätten reden sollen, schwiegen, so unwürdig behandelt sah. Ich schrieb deshalb an den derzeitigen ersten Syndikus, einen gewissen Herrn Favre, wie ich glaube, einen Brief, indem ich feierlich meinem Bürgerrechte entsagte, sonst aber den Anstand und die Mäßigung beobachtete, die ich immer in die Handlungen des Stolzes gelegt habe, zu denen mich die Grausamkeit meiner Feinde in den Zeiten meines Unglücks oft gezwungen hat.

Dieser Schritt öffnete den Bürgern endlich die Augen; einsehend, daß sie Unrecht gehabt und meine Vertheidigung in ihrem eigenen Interesse nicht hätten verabsäumen dürfen, schritten sie zu derselben, als es nicht mehr an der Zeit war. Sie verbanden damit noch andere Beschwerden und fanden darin Stoff zu mehreren sehr vernünftigen Vorstellungen, die sie in dem Maße erweiterten und verstärkten, wie ihnen die in harter und schroffer Weise ertheilten abschlägigen Bescheide des Rathes, der sich von dem französischen Ministerium unterstützt fühlte, den Plan desselben, sie zu knechten, immer deutlicher zum Bewußtsein brachte. Diese Zänkereien veranlaßten verschiedene Broschüren, die nichts entschieden, bis plötzlich die »Lettres écrites de la Campagne« erschienen, ein für den Rath mit ungemeiner Gewandtheit geschriebenes Werk, durch welches die angreifende Partei zum Schweigen gebracht und eine Zeit lang vernichtet wurde. Diese Broschüre, ein unvergängliches Denkmal der seltenen Talente ihres Verfassers, war vom Generalprocurator Tronchin verfaßt, einem geistreichen, aufgeklärten und in den Gesetzen und der Verfassung der Republik sehr erfahrenen Manne. Siluit terra.

1764

Von ihrer anfänglichen Mutlosigkeit sich erholend, erließen die Angreifer eine Antwort und zeigten sich mit der Zeit ihrer Aufgabe ziemlich gewachsen. Alle aber warfen die Augen auf mich, wie auf den Einzigen, der gegen einen solchen Gegner, mit der Hoffnung ihn niederzuschmettern, in die Schranken treten könnte. Ich gestehe, daß ich eben so dachte; und von meinen früheren Mitbürgern gedrängt, die es mir zur Pflicht machten, ihnen in einer durch mich veranlaßten Bedrängnis mit meiner Feder Beistand zu leisten, unternahm ich die Widerlegung der »Lettres écrites de la Campagne« und parodirte den Titel, indem ich meine Schrift »Lettres écrites de la Montagne« nannte. Ich ging ans Werk und führte es so im Geheimen aus, daß ich bei einer Zusammenkunft, die ich in Thonon mit den Häuptern der angreifenden Partei hatte, um mit ihnen in ihren Angelegenheiten Rücksprache zu nehmen, und in der sie mir den flüchtigen Entwurf ihrer Erwiderung zeigten, ihnen nicht ein Wort von der meinigen, die bereits vollendet war, sagte, weil ich besorgte, der Druck könnte auf ein Hindernis stoßen, wenn den Behörden oder meinen Privatfeinden auch nur das Geringste davon zu Ohren käme. Trotzdem konnte ich es nicht verhindern, daß dieses Werk in Frankreich vor seinem Erscheinen bekannt wurde, aber man wollte es lieber erscheinen als mich zu deutlich merken lassen, wie man mein Geheimnis entdeckt hatte. Das Wenige, was ich darüber erfahren habe, werde ich sagen, über meine Vermuthungen jedoch schweigen.

In Motiers bekam ich fast eben so viele Besuche, wie ich auf der Eremitage und in Montmorency erhalten hatte, aber die meisten waren von einer sehr verschiedenen Art. Meine früheren Besucher, die mit mir in Talent, Neigung und Grundsätzen übereinstimmten, schützten diese als Grund ihres Kommens vor und zogen mich sofort in Gesprächsgegenstände hinein, über die ich mich mit ihnen unterhalten konnte. In Motiers verhielt es sich nicht mehr so, namentlich hinsichtlich der Franzosen. Es waren Officiere oder andere Leute, die kein Gefallen an der Literatur hatten, die sogar größtenteils nie meine Schriften gelesen und stets dreißig, vierzig, sechzig, hundert Meilen zurückgelegt haben wollten, um mich zu sehen und zu bewundern, mich, den ausgezeichneten Mann, den berühmten, den sehr berühmten Mann, den großen Mann. Denn seitdem hat man nicht aufgehört, mir die unverschämtesten Schmeicheleien in plumpester Weise ins Gesicht zu schleudern, vor denen mich bis dahin die Achtung derer, die mir nahten, bewahrt hatte. Da die meisten dieser Besucher nicht geruhten, mir ihren Namen oder ihren Stand anzugeben, da sie mit ihrem Wissen auf ganz anderen Gebieten zu Hause waren als ich und sie meine Werke weder gelesen noch durchblättert hatten, so wußte ich nicht, worüber ich mit ihnen reden sollte; ich wartete, bis sie selbst redeten, da es ja ihre Sache war, den Grund ihres Besuches zu kennen und mir zu sagen. Man sieht ein, daß mir dies keine sehr interessanten Unterhaltungen gewährte, obgleich sie es nach dem, was sie wissen wollten, für sie sein konnten; denn da ich ohne Mißtrauen war, drückte ich mich über alle Fragen, die sie mir vorzulegen für geeignet hielten, rückhaltlos aus und gewöhnlich kehrten sie heim, über alle Einzelheiten meiner Lage eben so klug wie ich.

Auf diese Weise lernte ich zum Beispiel Herrn von Feins, Stallmeister der Königin und Rittmeister im Regimente der Königin, kennen, der die Ausdauer hatte, mehrere Tage in Motiers zu verweilen und mich sogar zu Fuß, sein Pferd am Zügel führend, bis nach Ferrière zu begleiten, ohne einen andern Berührungspunkt mit mir zu haben als den, daß wir beide Fräulein Fel kannten und beide Bilboquet spielten. Vor und nach Herrn von Feins bekam ich einen andern, noch weit sonderbareren Besuch. Zwei Männer langen zu Fuß an, jeder ein mit seinem kleinen Gepäck beladenes Maulthier führend, quartieren sich im Gasthof ein, füttern ihre Maulthiere selbst und bitten, mich besuchen zu dürfen. Nach ihrem Aufzuge hielt man diese Maultiertreiber für Schmuggler, und sofort ging das Gerücht, daß Schmuggler erschienen, um mir Besuche abzustatten. Aber schon die bloße Art, wie sie sich mir vorstellten, verrieth mir, daß ich es mit Leuten anderer Art zu thun hatte; waren sie nun auch nicht Schmuggler, so konnten sie doch Abenteurer sein, und dieser Argwohn hielt mich eine Zeit lang auf der Hut; sie säumten nicht mich zu beruhigen. Der eine war Herr von Montauban, Graf De la Tour du Pin, ein Edelmann aus der Dauphiné; der andere war Herr Dastier aus Carpentras, ein alter Soldat, der sein Ludwigskreuz in die Tasche gesteckt hatte da er es nicht hinter dem Schwanze seines Maulthiers zur Schau tragen wollte. Diese Herren, beide sehr liebenswürdig, besaßen beide viel Geist; ihre Unterhaltung war angenehm und fesselnd; ihre Art zu reisen, die so sehr nach meinem und so wenig nach dem Geschmacke französischer Edelleute war, erfüllte mich mit einer gewissen Zuneigung für sie, die der Umgang mit ihnen nur befestigen konnte. Diese Bekanntschaft war damit auch nicht zu Ende, da sie noch jetzt währt und sie wiederholentlich zu mir zurückgekommen sind, allerdings nicht mehr zu Fuß, was für den ersten Besuch gut war; allein je öfter ich diese Herren gesehen habe, desto weniger Verwandtschaft habe ich zwischen ihren und meinen Neigungen gefunden, desto weniger Übereinstimmung zwischen ihren und meinen Grundsätzen herausgefühlt und desto mehr mich davon überzeugt, daß sie mit meinen Schriften nicht vertraut waren und keine wahre Sympathie zwischen ihnen und mir herrschte. Was wollten sie also bei mir? Weshalb besuchten sie mich in diesem Aufzuge? Weshalb weilten sie mehrere Tage? Weshalb kamen sie mehrmals wieder? Weshalb sehnten sie sich so sehr danach, mich als ihren Gast bei sich zu sehen? Damals kam es mir nicht in den Sinn, mir diese Fragen vorzulegen. Später habe ich es bisweilen gethan.

Von ihrem freundlichen Entgegenkommen gerührt, gab sich ihnen mein Herz widerstandslos hin, namentlich Herrn Dastier, dessen offeneres Wesen mir noch mehr gefiel. Ich blieb sogar mit ihm in Briefwechsel, und als ich die »Briefe vom Berge« drucken lassen wollte, dachte ich mich an ihn zu wenden, um die, welche erwarteten, ich würde mein Packet nach Holland senden, irre zu leiten. Er hatte mir, und vielleicht absichtlich, viel von der Freiheit der Presse in Avignon erzählt und mir seine Dienste für den Fall angeboten, daß ich dort etwas drucken lassen wollte. Ich benutzte dieses Anerbieten und schickte ihm meine ersten Hefte nach und nach durch die Post zu. Nachdem er sie ziemlich lange behalten hatte, schickte er sie mir mit der Erklärung zurück, daß kein Buchhändler die Herausgabe zu übernehmen gewagt hätte, und so war ich genöthigt, auf Rey zurückzukommen, wobei ich die Vorsicht anwandte, immer nur ein Heft nach dem andern abzusenden und jedes folgende erst nach der Anzeige von dem Empfange des vorhergehenden aus der Hand zu lassen. Vor der Veröffentlichung des Werkes erfuhr ich, daß es in den Bureaux der Minister gesehen worden war und Herr von Escherny aus Neuschâtel erzählte nur von einem Buche, der »Mann vom Berge«, das, wie ihm Holbach gesagt hatte, von mir sein sollte. Ich gab ihm die Versicherung, ich hätte, wie es ja auch richtig war, nie ein Buch geschrieben, welches diesen Titel führte. Als die Briefe erschienen, war er rasend, und zieh mich der Lüge, obgleich ich ihm nur die Wahrheit gesagt hatte. Ich erhielt dadurch jedoch die Gewißheit, daß mein Manuscript bekannt geworden war. Reys Treue sicher, mußte ich meinen Vermuthungen eine andere Richtung geben, und die, an der ich am liebsten festhielt, war, daß meine Packete auf der Post geöffnet waren.

Eine andere Bekanntschaft ungefähr aus der nämlichen Zeit, die ich anfangs nur durch brieflichen Verkehr machte, war die mit einem Herrn Laliand aus Nimes, der von Paris aus an mich schrieb, um mich um die Uebersendung meiner Silhouette zu bitten, die er nach seiner Versicherung für meine Marmorbüste bedurfte, welche er von Le Moine anfertigen ließe, um sie in seiner Bibliothek aufzustellen. War diese Schmeichelei dazu ersonnen, um mich für den Schreiber freundlich zu stimmen, so erreichte sie ihren Zweck vollständig. Ein Mann, der meine Marmorbüste in seiner Bibliothek haben wollte, mußte meines Bedünkens von meinen Werken, folglich auch von meinen Grundsätzen voll sein und mich als eine verwandte Seele lieben. Dieser Gedanke mußte mir selbstverständlich verführerisch erscheinen. Später habe ich Herrn Laliaud gesehen. Ich habe ihn sehr beflissen gefunden, mir viele kleine Dienste zu leisten und sich in meine kleinen Angelegenheiten zu mischen; aber was das Uebrige anlangt, so zweifle ich, daß eine meiner Schriften zu der kleinen Zahl von Büchern gehörte, die er in seinem Leben gelesen hat. Ich weiß nicht, ob er eine Bibliothek besitzt und ein solches Ding zu benutzen versteht; und was die Büste anlangt, so handelte es sich lediglich um einen schlechten, von Le Moine ausgeführten Versuch in Gyps, nach dem er ein scheußliches Porträt hat in Kupfer stechen lassen, das überall unter meinem Namen die Runde macht, als ob es irgend eine Aehnlichkeit mit mir hätte.

Der einzige Franzose, der mich aus Vorliebe für meine Gesinnungen und Werke zu besuchen schien, war ein junger Offizier vom Regiments Limousin, Namens Seguier von Saint-Brisson, den man durch ziemlich liebenswürdige Talente und durch etwas zur Schau getragene Schöngeisterei in Paris und in der Welt glänzen sah und vielleicht noch sieht. Er hatte mich den Winter vor Eintritt meines Unglücks in Montmorency besucht. Ich entdeckte an ihm eine Lebhaftigkeit der Empfindung, die mich angenehm berührte. Er schrieb später an mich nach Motiers, und sei es, daß er mir schmeicheln wollte, oder daß ihm der »Emil« wirklich den Kopf schwindeln machte, er zeigte mir an, daß er, um unabhängig zu leben, den Dienst verließe und die Tischlerei lernte. Er hatte noch einen älteren Bruder, einen Hauptmann in demselben Regimente, der der Augapfel der Mutter war. Eine überspannte Frömmlerin und völlig unter der Leitung ich weiß nicht welches Tartuffes von Abbé stehend, behandelte sie den jüngeren Sohn sehr schlecht, den sie des Unglaubens und sogar des unverzeihlichen Verbrechens bezichtigte, mit mir in freundschaftlichem Verkehre zu stehen. Das waren die Klaggründe, um deren willen er mit seiner Mutter brechen wollte und den erwähnten Entschluß gefaßt hatte; es war ihm nur darum zu thun, den kleinen »Emil« zu spielen.

Ueber diese Unbesonnenheit bestürzt, beeilte ich mich, an ihn zu schreiben, um ihn zur Aenderung seines Entschlusses zu bewegen, und ich legte in meine Mahnungen alle Kraft, die ich aufzubieten vermochte; er hörte auf sie, kehrte zu seiner Pflicht gegen seine Mutter zurück und nahm aus den Händen seines Obristen das eingereichte Entlassungsschreiben zurück, von dem derselbe klüglicherweise noch keinen Gebrauch gemacht hatte, um ihm zu reiflicher Ueberlegung Zeit zu lassen. Von seiner Thorheit zurückgekommen, beging Saint-Brisson eine weniger anstößige, die mir aber eben so wenig gefiel: er fing an zu schriftstellern. Er gab hinter einander zwei oder drei Flugschriften heraus, welche verriethen, daß ihr Verfasser nicht ohne Talent war, hinsichtlich derer ich mir aber nicht den Vorwurf zuziehen werde, ihm Lobsprüche ertheilt zu haben, die ihn zur Fortsetzung dieser Laufbahn hätten ermuthigen können.

Ewige Zeit darauf besuchte er mich, und wir pilgerten zusammen nach der Insel Saint-Pierre. Auf dieser Reise fand ich ihn verschieden von dem, wie er mir in Montmorency erschienen war. Er hatte etwas eigenthümlich Geziertes, das mich anfangs nicht sehr unangenehm berührte, dessen ich jedoch seitdem oft gedacht habe. Er besuchte mich dann noch einmal auf meiner Durchreise durch Paris nach England im Hôtel Saint-Simon. Da erfuhr ich, was er mir nicht gesagt hatte, daß er sich in den höheren Gesellschaftskreisen bewegte und Frau von Luxembourg ziemlich häufig sähe. In Trye gab er mir kein Lebenszeichen und ließ mir durch seine Verwandte, Fräulein Séguier, die meine Nachbarin war und nie sehr wohlgesinnt gegen mich zu sein schien, nichts sagen. Mit einem Worte, die Schwärmerei des Herrn von Brisson hörte wie der freundschaftliche Verkehr mit Herrn von Feins mit einem Male auf; allein während dieser keine Verpflichtung gegen mich hatte, mußte er sich mir verpflichtet fühlen, falls die Dummheiten, von deren Begehung ich ihn zurückgehalten hatte, von seiner Seite nicht ein Spiel gewesen waren, was im Grunde sehr wohl hätte sein können.

Eben so viele und wohl noch mehr Besuche hatte ich auch aus Genf. Die Delucs, Vater wie Sohn, wählten mich nach einander zu ihrem Krankenwärter: der Vater wurde unterwegs krank, und der Sohn war es schon bei seiner Abreise von Genf; beide richteten sich häuslich bei mir ein. Prediger, Verwandte, Frömmler, Personen allerlei Gattung kamen aus Genf und der Schweiz, nicht wie die Besucher aus Frankreich, um mich zu bewundern und zu verspotten, sondern um mich auszuschelten und mir etwas vorzupredigen. Der Einzige, über den ich mich freute, war Moultou, der drei oder vier Tage bei mir zubrachte und den ich gern noch länger bei mir behalten hätte. Der Beharrlichste von allen, derjenige, der am meisten Ausdauer besaß und mich durch seine Aufdringlichkeit geradezu beherrschte, war ein Herr von Ivernois, ein Großhändler in Genf und französischer Refugié und zugleich ein Verwandter des Generalprocurators von Neufchâtel. Dieser Herr von Ivernois aus Genf hielt sich jährlich zweimal in Motiers auf, lediglich um mich zu besuchen, blieb dann mehrere Tage hintereinander vom Morgen bis zum Abend bei mir, begleitete mich auf meinen Spaziergängen, brachte mir tausenderlei kleine Geschenke mit, schlich sich trotz meines Widerstrebens in mein Vertrauen ein und mischte sich in alle meine Angelegenheiten, ohne daß zwischen ihm und mir irgend eine Uebereinstimmung der Ideen, der Neigungen, der Gefühle oder der Kenntnisse stattgefunden hätte. Ich zweifle, daß er in seinem ganzen Leben je ein Buch irgend einer Gattung völlig bis zu Ende gelesen hat und auch nur weiß, wovon die meinigen handeln. Als ich mich auf die Kräuterkunde zu verlegen begann, begleitete er mich auf meinen botanischen Ausflügen, ohne Lust an diesem Zeitvertreibe, ohne daß er mir oder ich ihm etwas zu sagen gehabt hätte. Er besaß sogar den Muth, drei volle Tage mit mir ganz allein in einem Wirthshause in Goumoins zuzubringen, aus dem ich ihn durch Langeweile zu vertreiben oder wo ich ihm wenigstens verständlich zu machen gehofft hatte, wie sehr er mich langweilte, und das alles, ohne daß es mir möglich gewesen ist, seine unglaubliche Ausdauer zu besiegen oder ihren Grund zu durchschauen.

Unter all diesen Bekanntschaften, die ich nur gezwungenerweise anknüpfte und unterhielt, darf ich die einzige nicht unerwähnt lassen, die mir angenehm war und mein wirkliches Herzensinteresse in Anspruch nahm, nämlich die eines jungen Ungarn, der sich in Neufchâtel angesiedelt hatte und von dort nach Motiers verzogen war, einige Monate nachdem ich meinen Wohnsitz daselbst aufgeschlagen hatte. Man nannte ihn in der Gegend den Baron von Sauttern, unter welchem Namen er von Zürich aus empfohlen worden war. Er war groß und von schönem Wuchse, hatte ein angenehmes Aeußere und war im geselligen Verkehre anziehend und sanft. Er erzählte aller Welt und gab es mir selbst zu verstehen, daß er nur um meinetwillen nach Neufchâtel gekommen wäre, um durch den Umgang mit mir seine Jugend zur Tugend zu bilden. Sein Gesicht, sein Ton, sein Benehmen schienen mir mit seinen Reden in Einklang, und ich würde geglaubt haben, gegen eine der größten Pflichten zu verstoßen, hätte ich mich eines jungen Mannes nicht angenommen, an dem ich nur Liebenswürdiges wahrnahm, und der mich aus einem so achtungswerthen Grunde aufsuchte. Mein Herz versteht nicht sich nur halb hinzugeben. Binnen kurzem besaß er meine ganze Freundschaft, mein ganzes Vertrauen; wir wurden unzertrennlich. Er war mein Begleiter auf allen meinen Wanderungen und gewann Lust an ihnen. Ich nahm ihn zu Mylord Marschall mit, der ihm tausend Freundlichkeiten erwies. Da er sich noch nicht im Französischen auszudrücken vermochte, so bediente er sich mir gegenüber im mündlichen wie im schriftlichen Verkehre der lateinischen Sprache; ich antwortete ihm französisch, und diese Vermischung der beiden Sprachen machte unsere Unterhaltungen in keinerlei Weise weniger fließend und lebhaft. Er sprach mit mir von seiner Familie, von seinen Geschäften, von seinen Abenteuern, von dem Wiener Hofe, dessen innerste Angelegenheiten er genau zu kennen schien. Kurz, fast zwei Jahre lang, die wir mit einander in innigster Vertrautheit verlebten, fand ich an ihm eine über alle Probe erhabene Sanftheit des Charakters, ein nicht nur ehrenwerthes, sondern auch feines Benehmen, eine ungemeine Sauberkeit an seiner ganzen Person, eine außerordentliche Ehrbarkeit in allen seinen Aeußerungen, kurz lauter Merkmale eines Mannes von vornehmer Geburt, die ihn mir zu schätzenswerth machten, um ihn mir nicht theuer zu machen.

Mitten in meinem freundschaftlichen Verkehre mit ihm schrieb mir Herr von Ivernois aus Genf, ich sollte vor dem jungen Ungarn, der sich in meiner Nähe niedergelassen hätte, auf der Hut sein; man hätte ihm die Versicherung gegeben, daß er ein Spion wäre, den das französische Ministerium zu meiner Überwachung unterhielte. Diese Warnung konnte um so beunruhigender erscheinen, als mich in der hiesigen Gegend alle Welt warnte, mich zu hüten, da man mir auflauerte und mich auf französisches Gebiet hinüberzulocken suchte, um mir dort übel mitzuspielen.

Um diesen albernen Warnern ein für alle Mal den Mund zu schließen, schlug ich Sauttern, ohne ihn etwas merken zu lassen, eine Wanderung nach Pontarlier vor; er willigte ein. Als wir in Pontarlier angekommen waren, gab ich ihm Ivernois' Brief zu lesen, und ihn darauf leidenschaftlich umarmend, sagte ich zu ihm: »Sie bedürfen nicht, Sauttern, daß ich Ihnen erst mein Vertrauen beweise, aber das Publikum hat den Beweis nöthig, daß ich es nur der rechten Person zu schenken weiß.« Diese Umarmung war sehr süß; es war eine jener Seelenfreuden, deren die Verfolger unfähig sind, und die sie den Unterdrückten nimmer rauben können.

Ich werde nie glauben, daß Sauttern ein Spion war oder mich verrathen hat; aber er hat mich hintergangen. Während ich ihm mein Herz rückhaltlos ausschüttete, hatte er den Muth, mir beharrlich das seine zu verschließen und mich durch Lügen zu täuschen. Um mich zu betrügen, ersann er, ich weiß nicht was für eine Geschichte, die mich zu dem Wahne brachte, daß seine Gegenwart in seiner Heimat nöthig wäre. Ich forderte ihn auf, augenblicklich abzureisen; er brach auf, und als ich ihn bereits in Ungarn glaubte, erfuhr ich, daß er in Straßburg war. Es war nicht das erste Mal, daß er dort gewesen. Er hatte daselbst eine junge Ehe gestört. Der Gatte, welcher wußte, daß ich mit ihm verkehrte, hatte an mich geschrieben. Ich hatte nichts unterlassen, um die junge Frau zur Tugend und Sauttern zu seiner Pflicht zurückzubringen. Während ich sie vollkommen von einander getrennt wähnte, hatten sie sich wieder genähert, und der Gatte selbst hatte die Gefälligkeit, den jungen Mann wieder in sein Haus aufzunehmen; von da an hatte ich nichts mehr zu sagen. Ich vernahm, daß mir der vermeintliche Baron ein ganzes Lügengewebe weis gemacht hatte. Er hieß nicht Sauttern, sondern Sauttersheim. Was seinen Barontitel anlangt, den man ihm in der Schweiz beilegte, so konnte ich ihm denselben nicht zum Vorwurf machen, weil er ihn nie angenommen hatte; allein ich zweifle nicht, daß er wirklich ein Edelmann war, und Lord Marschall, der sich auf Menschen verstand, und in seiner Heimat gewesen war, hat ihn stets als einen solchen angesehen und behandelt.

Sobald er abgereist war, erklärte sich die Magd des Wirthshauses, in dem er zu Motiers speiste, für schwanger von ihm. Sie war eine so häßliche alte Vettel und Sauttern, überall in der ganzen Gegend wegen seines Benehmens und sittlichen Verhaltens geachtet und geschätzt, war auf seine Anständigkeit so stolz, daß diese schamlose Aufführung jedermann Aergernis gab. Die liebenswürdigsten Damen im Orte, die vergeblich alle ihre Reize gegen ihn aufgeboten hatten, waren wüthend; ich war vor Unwillen außer mir. Ich gab mir alle Mühe, diese freche Dirne verhaften zu lassen, indem ich mich erbot, alle Kosten zu zahlen und für Sauttersheim zu bürgen. Ich schrieb an ihn in der festen Ueberzeugung, daß diese Schwangerschaft nicht allein nicht von ihm herrührte, sondern überhaupt nur erdichtet und alles lediglich ein von seinen und meinen Feinden angestiftetes Spiel wäre. Ich verlangte, er sollte nach Motiers zurückkehren, um das ehrlose Weibsbild und die, welche sie zum Reden veranlaßt hatten, zu Schande zu machen. Ich war über die Unentschiedenheit seiner Antwort überrascht. Er schrieb an den Geistlichen, zu dessen Pfarrei die Dirne gehörte, und brachte die Geschichte zum Schweigen. Als ich dies wahrnahm, hörte ich auf, mich hineinzumischen, sehr erstaunt, daß sich ein solcher Wüstling dergestalt hatte beherrschen können, um mir bei aller Vertraulichkeit durch sein zurückhaltendes Benehmen Achtung einzuflößen.

Von Straßburg begab sich Sauttersheim nach Paris, um dort sein Glück zu suchen, und fand daselbst nur Elend. Er schrieb an mich und bekannte mir seine Schuld. Bei dem Andenken an unsere frühere Freundschaft wurde mein Herz von Rührung ergriffen; ich schickte ihm etwas Geld. Im folgenden Jahre sah ich ihn bei meiner Durchreise durch Paris fast in dem nämlichen Zustande wieder, aber mit Herrn Laliand sehr befreundet, ohne daß ich in Erfahrung bringen konnte, woher diese Bekanntschaft rührte, und ob sie alt oder neu war. Zwei Jahre später kehrte Sauttersheim nach Straßburg zurück, von wo aus er an mich schrieb und wo er gestorben ist. Das ist in kurzen Umrissen die Geschichte unserer Verbindung und alles dessen, was ich von seinen Abenteuern weiß; aber wenn ich auch das Schicksal dieses unglücklichen jungen Mannes bedaure, werde ich doch nie aufhören zu glauben, daß er von vornehmer Geburt und alles Tadelhafte in seiner Aufführung die Folge der Lage war, in der er sich befand.

Dies waren die neuen Verbindungen und Bekanntschaften, die ich in Motiers anknüpfte. Wie vieler hätte es doch bedurft, um die schmerzlichen Verluste zu ersetzen, die ich in derselben Zeit erlitt!

Der erste war der des Herrn von Luxembourg, der, nachdem er lange von den Aerzten gequält worden war, endlich ihr Opfer wurde, da sie die Gicht, die sie nicht erkannten, wie ein heilbares Leiden behandelten.

Darf man dem Berichte, den mir La Roche, der Vertrauensmann der Frau Marschall darüber schrieb, Glauben schenken, so hat man nach diesem eben so traurigen wie bemerkenswerthen Beispiele alle Ursache, die Beschwerden der Größe zu bedauern.

Der Verlust dieses hohen und guten Würdenträgers war mir um so schmerzlicher, als er der einzige wahre Freund war, den ich in Frankreich hatte; die Sanftmuth seines Charakters war der Art, daß sie mich seinen Rang völlig hatte vergessen lassen, um mich an ihn wie an meines Gleichen anzuschließen. Unsere Verbindung hörte in Folge meiner Entfernung nicht auf, und er fuhr fort, wie sonst an mich zu schreiben. Gleichwohl glaubte ich zu bemerken, daß die Trennung oder mein Unglück seine Liebe erkaltet habe. Für einen Hofmann ist es sehr schwer, die Anhänglichkeit an einen in Ungnade Gefallenen in gleicher Stärke zu bewahren. Ueberdies ist mir meines Erachtens der große Einfluß, welchen Frau von Luxembourg auf ihn hatte, nicht günstig gewesen; gewiß hatte sie meine Entfernung benutzt, um mir bei ihm zu schaden. Was sie angeht, so verhehlte sie trotz einiger erheuchelten und immer seltener werdenden Freundschaftsversicherungen die Veränderung ihrer Gesinnung gegen mich von Tage zu Tage weniger. Vier- oder fünfmal schrieb sie von Zeit zu Zeit an mich, so lange ich in der Schweiz war und nachher nie mehr. Es bedurfte all der Voreingenommenheit, all des Vertrauens, all der Blindheit, worin ich noch immer verharrte, um ihr nicht mehr als blose Erhaltung gegen mich anzumerken.

Der Buchhändler Guy, Duchesnes Geschäftstheilnehmer, der das Hotel Luxembourg, durch mich eingeführt, fleißig besuchte, schrieb mir, daß der Marschall meiner in seinem Testamente gedacht hätte. Es war dies etwas ganz Natürliches und ganz Glaubhaftes, und ich zweifelte deshalb nicht daran. Das veranlaßte mich zur Ueberlegung, wie ich mich in Bezug auf dieses Vermächtnis verhalten sollte. Alles wohl erwogen, entschloß ich mich zur Annahme desselben, worin es auch bestehen möchte, und einem Ehrenmanne, der in einem Range, in den die Freundschaft nicht leicht hineindringt, doch eine wahre für mich gehabt hatte, diese Ehre zu erzeigen. Dieser Pflicht bin ich jedoch überhoben worden, da ich von diesem wirklichen oder nur fälschlich angenommenen Legate nichts mehr gehört habe; und in der That würde es mir peinlich gewesen sein, gegen einen der großen Grundsätze meiner Moral dadurch zu verstoßen, daß ich aus dem Tode jemandes, der mir theuer gewesen war, Nutzen zog. Während der letzten Krankheit unseres Freundes Mussard schlug mir Lenieps vor, die Dankbarkeit, die er für unsere Pflege an den Tag legte, zu benutzen, um ihn zu einigen Vermächtnissen zu unseren Gunsten zu vermögen. »Ach, theurer Lenieps,« sagte ich zu ihm, »beschmutzen wir nicht die traurigen, aber geheiligten Pflichten, die wir gegen unseren sterbenden Freund üben, durch eigennützige Gedanken. Ich hoffe nie in dem Testamente irgend einer Person genannt zu werden, wenigstens nie in dem Testamente eines meiner Freunde.« Dies trug sich ungefähr um dieselbe Zeit zu, in der Mylord Marschall von dem seinigen und von dem erzählte, was er darin für mich zu thun beabsichtigte, und ich ihm die Antwort gab, deren ich in dem ersten Theile erwähnt habe.

Mein zweiter Verlust, der noch empfindlicher und entsetzlicher war, betraf die beste der Frauen und Mütter, die, schon von Jahren und noch mehr von Gebrechen und Elend beschwert, dieses Thränenthal verließ, um in die Wohnung der Seligen überzugehen, wo die freundliche Erinnerung an das Gute, das man hienieden gethan hat, seinen ewigen Lohn bildet. Geh, sanfte und wohlthätige Seele, zu den Fénelon, den Berner, den Catinat, und zu denen, die in einem niedrigeren Stande wie diese ihre Herzen der wahren Liebe geöffnet haben! Geh, den Lohn der deinigen zu genießen, und bereite deinem Zöglinge den Platz, den er eines Tages an deiner Seite einzunehmen hofft, glücklich in deinem Mißgeschick, daß dir der Himmel durch Beendigung des deinigen den schmerzlichen Anblick des seinigen erspart habe. In der Befürchtung, ihr Herz durch die Erzählung meiner ersten Unglücksfälle zu bekümmern, hatte ich seit meiner Ankunft in der Schweiz nicht an sie geschrieben; allein ich schrieb an Herrn Conzié, um mich nach ihr zu erkundigen, und er war es, der mir die Mittheilung machte, daß sie aufgehört hätte, die Leidenden zu trösten und selbst zu leiden. Bald werde auch ich aufhören zu leiden, aber wenn ich glaubte, sie in dem andern Leben nicht wiederzusehen, so würde sich meine schwache Einbildungskraft gegen den Gedanken an ein vollkommenes Glück, das ich mir dort verspreche, auflehnen.

Mein dritter und letzter Verlust, denn seitdem sind mir keine Freunde zum Verlieren mehr geblieben, war der Mylord Marschalls. Er starb nicht, aber müde, Undankbaren zu dienen, verließ er Neufchâtel, und seitdem habe ich ihn nicht wiedergesehen. Er lebt und wird mich, wie ich hoffe, überleben; er lebt und Dank ihm, sind nicht alle meine Liebesbande auf Erden zerrissen; es bleibt auf ihr noch ein meiner Freundschaft würdiger Mann zurück, denn ihr wahrer Werth liegt ja weit mehr in der Freundschaft, die man fühlt, als in der, welche man einflößt; aber ich habe die Annehmlichkeiten verloren, die mir die seinige so reichlich gewährte, und ich kann ihn nur in die Reihe derer stellen, die ich noch immer liebe, mit denen ich aber nicht mehr in Verbindung stehe. Er ging, nachdem er begnadigt war, nach England zurück, um seine ehedem eingezogenen Güter zurückzukaufen. Wir schieden von einander nicht ohne Pläne einer späteren Wiedervereinigung, die ihm fast eben so angenehm zu sein schienen wie mir. Er wollte seinen Wohnsitz in dem Schlosse Keith-Hall bei Aberdeen aufschlagen, und ich sollte ihm dorthin folgen; aber dieser Plan war für mich zu bezaubernd, als daß ich auf seine Verwirklichung hätte rechnen können. Er blieb nicht in Schottland. Die zärtlichen Bitten des Königs von Preußen riefen ihn nach Berlin zurück, und man wird bald sehen, wie ich verhindert wurde, dort mit ihm wieder zusammenzutreffen.

Da er den Sturm, den man gegen mich zu erregen begann, voraussah, sandte er mir vor seiner Abreise aus eigenem Antriebe einen Naturalisationsschein, der eine sehr sichere Vorsichtsmaßregel gegen den Versuch, mich des Landes zu verweisen, zu sein schien. Die Gemeinde Couvet, im Val de Travers folgte dem vom Gouverneur gegebenen Beispiele und gab mir den Heimatsschein unentgeltlich, wie mir ersterer bewilligt war. Auf diese Weise in jeder Hinsicht Bürger des Landes geworden, war ich gegen jede gesetzliche Ausweisung, selbst von Seiten des Fürsten, geschützt; aber freilich hat man den unter allen Menschen, der die Gesetze stets am gewissenhaftesten geachtet hat, auf gesetzlichen Wegen nie verfolgen können.

Unter die Zahl der Verluste, welche ich um die gleiche Zeit erlitt, glaube ich den des Abbé von Mably nicht rechnen zu dürfen. Als ich bei seinem Bruder wohnte, hatte ich in einiger, wenn auch nicht sehr vertrauter, Verbindung mit ihm gestanden, und ich habe Grund zur Annahme, daß seine Gefühle für mich ihre Natur verändert hatten, seitdem ich eine größere Berühmtheit erlangt als er. Aber bei dem Erscheinen der »Briefe vom Berge« erhielt ich das erste Zeichen seiner Abneigung gegen mich. Man zeigte in Genf einen ihm zugeschriebenen Brief an Frau Saladin umher, in welchem er dieses Werk als das aufrührerische Geschrei eines zügellosen Demagogen bezeichnete. Die Achtung, die ich für den Abbé von Mably hegte, und das Gewicht, das ich auf seine Einsicht legte, gestatteten mir nicht einen Augenblick zu glauben, dieser ungereimte Brief könnte von ihm sein. Ich entschloß mich deshalb zu einem Schritte, den mir meine Freimütigkeit eingab; ich sandte ihm eine Abschrift des Briefes mit der Mitteilung, daß man ihn ihm zuschriebe. Er gab mir keine Antwort. Dieses Schweigen setzte mich in Staunen; aber man denke sich meine Ueberraschung, als mir Frau von Chenonceaux schrieb, der Brief wäre wirklich von dem Abbé, und der meinige hätte ihn sehr in Verlegenheit gesetzt. Denn wie konnte er, hätte er auch Recht gehabt, einen Aufsehen erregenden und öffentlichen Schritt entschuldigen, den er ohne Grund, ohne Verpflichtung, ohne Nothwendigkeit bloß zu dem Zwecke gethan hatte, einen Mann, dem er stets Wohlwollen erzeigt und der sein Vertrauen nie gemißbraucht, inmitten seines Unglücks niederzuschmettern? Einige Zeit später erschienen die »Gespräche des Phocion«, in denen ich nichts als eine unerlaubte und schamlose Compilation aus meinen Schriften erblickte. Bei der Lectüre dieses Buches erkannte ich, daß der Verfasser gegen mich feste Stellung genommen hatte und ich von nun an keinen unnachsichtigeren Feind haben würde. Ich glaube, daß er mir den » Contrat social«, der seine Kräfte zu sehr überstieg, und den »Ewigen Frieden« nie verziehen hat und er einen Auszug aus den Schriften des Abbé von Saint-Pierre von mir nur zu wünschen schien, weil er vermuthete, ich würde dieser Aufgabe nicht gewachsen sein.

Je mehr ich in meiner Erzählung vorschreite, desto weniger vermag ich Ordnung und Reihenfolge innezuhalten. Die Unruhe meiner übrigen Lebenszeit hat den Ereignissen nicht Zeit gelassen, sich in meinem Kopfe zu ordnen. Sie sind zu zahlreich, zu sehr mit einander verwebt, zu unangenehm gewesen, um ohne Verwirrung erzählt werden zu können. Der einzige starke Eindruck, den sie in mir zurückgelassen haben, ist der von einem entsetzlichen Geheimnisse, das ihre Ursache verschleiert, und von dem bedauerlichen Zustande, in den sie mich versetzt haben. Meine Erzählung kann nur noch auf gut Glück und je nach den in mir auftauchenden Erinnerungen vorwärts schreiten. Ich entsinne mich, daß ich mich in der Zeit, von der ich rede, lebhaft mit dem Gedanken an meine Bekenntnisse trug und von ihnen sehr unvorsichtiger Weise mit aller Welt sprach, da ich nicht einmal daran dachte, daß jemand ein Interesse oder den Willen oder die Macht hätte, dieses Unternehmen zu verhindern; und hätte ich es geglaubt, so würde ich bei der völligen Unmöglichkeit, in der ich mich nach meiner Natur befinde, meine Gefühle und Gedanken zu verhehlen, schwerlich verschwiegener gewesen sein. Das Bekanntwerden dieses Unternehmens war, so weit ich darüber zu urtheilen im Stande bin, die wahre Veranlassung des Sturmes, den man erregte, um mich aus der Schweiz zu vertreiben und mich Händen zu überliefern, die die Ausführung verhindern sollten.

Ich beschäftigte mich noch mit einem andern Unternehmen, das die, welche das erstere fürchteten, nicht mit günstigeren Augen anblicken konnten, nämlich mit einer Gesammtausgabe meiner Schriften. Diese Ausgabe schien mir nöthig, um unter den Werken, die meinen Namen führten, diejenigen festzustellen, die wirklich von mir waren, und das Publikum in den Stand zu setzen, sie von den pseudonymen Schriften zu unterscheiden, die meine Feinde für die meinigen ausgaben, um mich um die Achtung zu bringen und zu demüthigen. Außerdem war diese Ausgabe ein einfaches und anständiges Mittel, mir mein Brot zu sichern, und noch dazu das einzige, da ich der Schriftstellerei entsagt hatte, meine Denkwürdigkeiten bei meinen Lebzeiten nicht erscheinen konnten, ich auf andere Weise keinen Heller verdiente, während ich beständige Ausgaben hatte, und ich mich folglich am Ende meiner Hilfsmittel sah, sobald die Erträge meiner letzten Schriften verbraucht waren. Dieser Grund hatte mich gedrängt, mein »Musikalisches Wörterbuch« hinzugeben, obgleich es noch nicht die letzte Feile erhalten hatte. Es hatte mir hundert Louisd'or baar und eine Leibrente von hundert Thalern eingebracht; aber das Ende von hundert Louisd'or ließ sich leicht berechnen, wenn man jährlich sechzig verausgabte, und hundert Thaler Leibrente waren nichts für einen Mann, den allerlei Gesindel und Bettler schaarenweise umdrängten.

Zu der Veranstaltung der Gesammtausgabe meiner Werke erbot sich eine Gesellschaft Neufchâteler Kaufleute, und ein Lyoner Buchdrucker oder Buchhändler, Namens Reguillat, hatte sich, ich weiß nicht wie, in ihre Mitte eingedrängt, um das Unternehmen zu leiten. Der Vertrag wurde unter so vernünftigen und befriedigenden Bedingungen abgeschlossen, daß ich meinen Zweck vollkommen erreichte. Ich hatte sowohl an gedruckten Werken wie an noch ungedruckten Arbeiten hinreichenden Stoff für sechs Quartbände und verpflichtete mich überdies zur Ueberwachung der Ausgabe; dafür mußten sie mir eine Leibrente von sechszehnhundert französischen Livres aussetzen und ein einmaliges Geschenk von tausend Thalern machen.


1765

Der Vertrag war abgeschlossen, aber noch nicht unterzeichnet, als die »Briefe vom Berge geschrieben« erschienen. Der furchtbare Ausbruch, der sich gegen dieses Höllenwerk und seinen abscheulichen Verfasser erhob, setzte die Gesellschaft in Angst, und das Unternehmen scheiterte. Ich würde die Wirkung dieses letzten Werkes mit der des »Briefes über die französische Musik« vergleichen, wenn mir dieser Brief, obgleich er mir Haß zuzog und mich der Gefahr aussetzte, nicht wenigstens Ansehen und Achtung gelassen hätte. Aber nach diesem letzten Werke schien man in Genf und Versailles erstaunt zu sein, daß man ein Ungeheuer wie mich noch athmen ließe. Der kleine Rath, durch den französischen Geschäftsträger aufgehetzt und von dem Generalprocurator geleitet, erließ über mein Werk eine Erklärung, in welcher er es unter Beilegung der abscheulichsten Namen als unwürdig bezeichnet, vom Henker verbrannt zu werden, und mit einer Schlauheit, die an das Komische grenzt, hinzufügt, daß man nicht, ohne sich zu entehren, darauf antworten könne, ja es nicht einmal erwähnen dürfe. Ich wünschte dieses merkwürdige Dokument hier veröffentlichen zu können, allein leider besitze ich es nicht und erinnere mich nicht eines einzigen Wortes. Ich habe das lebhafte Verlangen, daß einer meiner Leser, vom Eifer nach Wahrheit und Billigkeit beseelt, die »Briefe vom Berge geschrieben«, noch einmal ganz durchlesen möge; er wird, das wage ich zu behaupten, nach den empfindlichen und grausamen Beleidigungen, mit denen mich der Verfasser um die Wette überhäuft hatte, die stoische Mäßigung herausfühlen, die in diesem Werke herrscht. Aber außer Stande auf Schmähungen zu antworten, weil keine darin vorkommen, noch auf die Gründe, weil sie unwiderleglich waren, stellte man sich zu entrüstet, um antworten zu wollen, und wenn sie unbestreitbare Beweise für Beleidigungen nahmen, mußten sie sich allerdings für sehr beleidigt halten.

Weit davon entfernt, sich über diese gehässige Erklärung zu beklagen, folgte die angreifende Partei dem Wege, den jene ihr vorzeichnete; und statt die »Briefe vom Berge« wie eine Siegesfahne triumphirend zu erheben, verhüllte sie sie, um sich einen Schild daraus zu machen, und hatte die Feigheit der zu ihrer Verteidigung und auf ihre Bitten abgefaßten Schrift weder Ehre anzuthun, noch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sich weder auf sie zu berufen, noch sie zu nennen, obgleich sie ihr alle ihre Beweisgründe entnahmen, und die Genauigkeit, mit der sie den am Ende dieses Werkes ausgesprochenen Rath befolgte, die einzige Ursache ihrer Rettung und ihres Sieges gewesen ist. Die Partei hatte mir diese Pflicht auferlegt; ich hatte sie erfüllt, hatte dem Vaterlande und ihrer Sache bis ans Ende gedient. Ich bat sie, die meinige aufzugeben und bei ihren Zwistigkeiten nur an sich zu denken. Sie nahm mich beim Worte, und ich habe mich in ihre Angelegenheiten nur noch eingelassen, um sie unaufhörlich zum Frieden zu ermahnen, da ich nicht bezweifelte, daß sie bei fortgesetzter Hartnäckigkeit von Frankreich vernichtet werden würde. Das ist nicht geschehen; ich verstehe den Grund, allein hier ist nicht der Ort, ihn anzuführen.

Die Wirkung der »Briefe vom Berge« war zu Neufchâtel anfangs sehr friedlicher Natur. Ich sandte Herrn von Montmollin ein Exemplar von ihnen; er nahm es freundlich an und las es, ohne Einwand dagegen zu erheben. Er war eben so leidend wie ich; nach seiner Wiederherstellung besuchte er mich freundschaftlich und erwähnte des Buches nicht. Inzwischen begann der Lärm; man verbrannte das Buch, ich weiß nicht wo. In Paris zugleich mit dem »Philosophischen Wörterbuche« von Voltaire und in Folge desselben Urtheilspruches, gefällt den 19. März 1765. Dieses Urtheil ist wörtlich mitgeteilt in Poincoits Werken. Band XIV. Von Genf, von Bern und vielleicht auch von Versailles, diesen Mittelpunkten der Gährung gegen mich, ging sie bald nach Neufchâtel hinüber und namentlich bis in das Val de Travers hinein, wo man, sogar noch ehe die höheren Stände entschiedene Stellung gegen mich genommen, das Volk durch geheime Schliche aufzuhetzen begann. Ich hätte, wie ich wohl sagen darf, von dem Volke in diesem Lande geliebt werden müssen, wie ich es in allen wurde, in denen ich gelebt habe, da ich mit vollen Händen Almosen austheilte, keinen Dürftigen in meiner Nähe ohne Beistand ließ, niemandem einen Dienst, der in meiner Macht stand und gerecht war, verweigerte, mit aller Welt, vielleicht nur allzu vertraulich umging und mich, so gut es ging, jeder Auszeichnung entzog, die Eifersucht hätte erregen können. Das alles hinderte nicht, daß das im Geheimen, ich weiß nicht von wem, aufgereizte Volk sich allmählich bis zur Wuth gegen mich erhitzte, mich am hellen Tage öffentlich beschimpfte, und zwar nicht allein unter freiem Himmel und auf den Landwegen, sondern auf offener Straße. Am erbittertsten waren die, welchen ich das meiste Gute erwiesen hatte, und sogar Leute, denen ich nach wie vor Gutes erwies und die nicht öffentlich aufzutreten wagten, hetzten die Andern auf und schienen sich für die Demüthigung, mir verpflichtet zu sein, auf diese Weise rächen zu wollen. Montmollin schien nichts davon zu gewahren und zeigte sich noch nicht; als jedoch die Abendmahlszeit herannahte, kam er zu mir, um mir den Rath zu geben, von der Feier fern zu bleiben, während er gleichzeitig versicherte, daß er im Uebrigen kein Verlangen an mich stellen und mich in Ruhe lassen würde. Ich fand diese freundliche Versicherung seltsam; sie erinnerte mich an den Brief der Frau von Boufflers, und ich konnte nicht begreifen, wer denn so großes Gewicht darauf legen könnte, ob ich zum Abendmahl ginge oder nicht. Da ich eine solche Nachgiebigkeit von meiner Seite als einen Act der Feigheit betrachtete und ich dem Volke auch nicht diesen neuen Vorwand geben wollte, über mich Gottlosen zu schreien, so wies ich den Prediger kurz ab, und kehrte unzufrieden heim, indem er mir beim Abschiede zu verstehen gab, daß ich es bereuen würde.

Er konnte mich von der Abendmahlsfeier nicht aus eigener Machtvollkommenheit ausschließen, dazu gehörte die Einwilligung des Consistoriums, das mich zugelassen hatte, und so lange dieses nicht gesprochen hatte, konnte ich dreist zum Tische des Herrn gehend ohne eine Zurückweisung befürchten zu brauchen. Montmollin ließ sich von der Geistlichkeit den Auftrag geben, mich vor das Consistorium zu laden, um vor demselben Rechenschaft über meinen Glauben abzulegen, und mich, falls ich mich weigern sollte, in den Kirchenbann zu thun. Dieser Kirchenbann konnte ebenfalls nur vom Consistorium ausgehen und zwar nach Stimmenmehrheit. Allein unter den Bauern, welche unter dem Namen »Aelteste« diese Versammlung bildeten, führte der Prediger den Vorsitz und lenkte sie, wie man leicht begreift. Daher konnten sie natürlich keiner andern Meinung sein als der seinigen, namentlich über theologische Fragen, von denen sie noch weniger verstanden als er. Ich wurde also vorgeladen und beschloß zu erscheinen.

Welch glücklicher Umstand und welcher Triumph für mich, wenn ich zu reden verstanden und, so zu sagen, meine Feder im Munde geführt hätte. Mit welcher Ueberlegenheit, mit welcher Leichtigkeit würde ich diesen armen Prediger inmitten seiner sechs Bauern zu Boden geschmettert haben! Obgleich die Herrschsucht die protestantische Geistlichkeit alle Grundsätze der Reformation hat vergessen lassen, so brauchte ich, um ihn wieder an sie zu erinnern und zum Schweigen zu bringen, nur meine ersten »Briefe vom Berge« zu erklären, über die er die Dummheit gehabt hatte sich tadelnd gegen mich auszusprechen. Mein Thema war ganz fertig, ich brauchte es nur erschöpfend zu besprechen, und mein Mann war ganz zum Schweigen gebracht. Ich wäre nicht so thöricht gewesen mich nur abwehrend zu verhalten; es war mir leicht, angreifend vorzugehen, sogar ohne daß man es merkte oder sich dagegen schützen konnte. Die Pfäfflein hatten, eben so unbesonnen wie unwissend, mich selbst in die glücklichste Stellung gebracht, die ich hätte wünschen können, um sie nach Herzenslust zu vernichten. Aber wie nun! Ich hätte reden, hätte auf der Stelle reden müssen, mir hätten Gedanken, Wendungen, Worte jeden Augenblick zu Gebote stehen müssen, ich hätte stets Geistesgegenwart, stets kaltes Blut haben müssen, mich nicht eine Minute verlegen zeigen dürfen. Was konnte ich von mir hoffen, ich, der ich so genau meine Unfähigkeit kannte, mich auf der Stelle auszudrücken? Ich war in Genf vor einer mir völlig günstig gestimmten und mir alles zu bewilligen bereiten Versammlung zum demüthigsten Schweigen gebracht worden. Hier war es ganz das Gegentheil. Ich hatte es mit einem Aufhetzer zu thun, bei dem Arglist an die Stelle des Wissens trat, der mir hundert Fallstricke legte, ehe ich einen merkte, und ganz entschlossen war, mich, es koste, was es wolle, auf einem Fehler zu ertappen. Je länger ich diese Lage prüfte, desto gefährlicher schien sie mir, und die Unmöglichkeit einsehend, mich mit Erfolg aus ihr herauszuziehen, sann ich auf ein anderes Auskunftsmittel. Ich überdachte eine Rede, die ich vor dem Consistorio halten wollte, um es für incompetent zu erklären und mich dadurch der Antwort zu überheben. Die Sache war sehr leicht; ich schrieb diese Rede aus und begann sie mit einem Eifer ohne Gleichen auswendig zu lernen. Therese machte sich über mich lustig, wenn sie mich murmeln und unaufhörlich dieselben Redensarten wiederholen hörte, um sie in den Kopf zu bekommen. Ich hoffte, meine Rede endlich zu behalten; ich wußte, daß der Gerichtsverwalter als fürstlicher Beamter dem Consistorium beiwohnen würde und daß mir der größte Theil der Aeltesten trotz Montmollins Kriegslisten und Flaschen Wein günstig gesinnt war. Auf meiner Seite hatte ich die Vernunft, die Wahrheit, die Gerechtigkeit, den Schutz des Königs, den Einfluß des Staatsrats und die Wünsche aller guten Patrioten, für welche die Niedersetzung eines solchen Ketzergerichtes von Wichtigkeit war; kurz, alles trug zu meiner Ermuthigung bei.

Am Tage vor dem Termine wußte ich meine Rede auswendig; ich sagte sie ohne Fehler auf. Ich rief sie mir die ganze Nacht immer wieder ins Gedächtnis zurück; am Morgen wußte ich sie nicht mehr; ich stockte bei jedem Worte, ich wähne mich schon in der erlauchten Versammlung, ich werde verlegen, ich stammle, ich verliere den Kopf; kurz, fast im Augenblicke des Gehens entsinkt mir der Muth gänzlich. Ich bleibe zu Hause und entschließe mich, an das Consistorium zu schreiben, indem ich in aller Hast meine Gründe auseinandersetze und mein Leiden vorschütze, welches bei meinem damaligen Zustande in der That meine Anwesenheit während der ganzen Sitzung schwerlich zugelassen hätte.

Durch meinen Brief in Verlegenheit gesetzt, verschob der Prediger die Angelegenheit auf eine andere Sitzung. In der Zwischenzeit gab er sich persönlich wie durch die Vermittelung seiner Creaturen alle mögliche Mühe, um diejenigen von den Aeltesten zu verführen, die lieber den Mahnungen ihres Gewissens als den seinigen folgten und nicht stimmten, wie die Geistlichkeit und er es haben wollte. Wie mächtig auch seine aus dem Keller hergeholten Beweisgründe auf Leute dieser Art wirken mußten, so konnte er von ihnen doch keine andren gewinnen, als die zwei oder drei, die ihm schon ergeben waren, und die man scherzhafter Weise seine »verdammten Seelen« nannte. Der fürstliche Beamte und der Obrist von Pury, der bei dieser Angelegenheit viel Eifer bewies, hielten die andern fest bei ihrer Pflicht, und als dieser Montmollin zum Kirchenbann schreiten wollte, fiel sein Antrag beim Consistorium mit Stimmenmehrheit durch. Nun zum letzten Auswege, zur Aufreizung der Volkshefe gezwungen, fing er mit seinen Amtsbrüdern und andren Leuten offen darauf hinzuwirken an und zwar mit einem solchen Erfolge, daß ich trotz der entschiedenen und wiederholten Verfügungen des Königs, trotz aller Befehle des Staatsrates schließlich genöthigt wurde, das Land zu verlassen, um nicht den fürstlichen Beamten der Gefahr auszusetzen, bei meiner Verteidigung ermordet zu werden.

Von diesem ganzen Vorgange habe ich nur eine so verworrene Erinnerung, daß es mir unmöglich ist, in die Gedanken, die darüber wieder in mir aufsteigen, Ordnung und Zusammenhang zu bringen, und daß ich sie nur planlos und abgerissen mitzutheilen vermag, wie sie sich mir gerade vergegenwärtigen. Ich erinnere mich, daß mit der Geistlichkeit eine Art von Unterhandlungen stattgefunden hatte, deren Vermittler Montmollin gewesen war. Er hatte vorgegeben, man besorgte, daß ich durch meine Schriften die Ruhe im Lande stören könnte und man sie dafür verantwortlich machen würde, wenn man mich frei schreiben ließe. Er hatte mir zu verstehen gegeben, wenn ich mich verpflichtete, der Feder zu entsagen, würde man von der Vergangenheit absehen. Ich hatte diese Verpflichtung mir schon selbst abgelegt; ich trug kein Bedenken, mich zu ihr auch der Geistlichkeit gegenüber zu verstehen, aber freilich nur bedingungsweise und lediglich über religiöse Gegenstände. Er brachte es dahin, daß ich ihm wegen einer Änderung, die er verlangt hatte, dieses Schriftstück doppelt ausstellte. Da die Geistlichkeit die Bedingung verwarf, verlangte ich meinen Revers zurück; er stellte mir nur ein Exemplar wieder zu und behielt das andre, indem er vorschützte, er hätte es verloren. Offen durch die Prediger aufgehetzt, verhöhnte darauf das Volk die Erlasse des Königs, die Befehle des Staatsrates und war aus Rand und Band. Man predigte auf den Kanzeln gegen mich, ich wurde der Antichrist genannt und auf dem Lande wie ein Wärwolf verfolgt. Mein armenisches Gewand diente der Volkshefe als Kennzeichen. Ich fühlte das Unziemliche desselben schmerzlich, aber es unter solchen Verhältnissen abzulegen, schien mir eine Feigheit. Ich konnte mich nicht dazu entschließen und ging auf meinen Spaziergängen ruhig in meinem Kaftan und mit meiner verbrämten Mütze einher, von dem Hohngeschrei der Volkshefe und bisweilen von Steinwürfen verfolgt. Mehrmals hörte ich, wenn ich an den Häusern vorüberging, eine Stimme rufen: »Bringe mir meine Flinte, daß ich ihn niederschieße.« Ich ging deshalb nicht schneller; sie wurden nur noch wüthender, aber es blieb immer bei den Drohungen, wenigstens hinsichtlich der Feuerwaffen.

Während dieser ganzen Gährung hatte ich trotzdem zweimal eine große Freude, die mir sehr wohl that. Die erste bestand darin, daß ich durch Vermittelung des Mylord Marschalls einen Act der Dankbarkeit ausüben konnte. Alle anständige Leute Neufchâtels verabscheuten, empört über die mir zugefügte Behandlung und über das Verfahren, dessen Opfer ich war, die Prediger, da sie wohl einsahen, daß dieselben fremdem Antriebe Folge leisteten und nur die Satelliten anderer Leute waren, die sich verbargen und jene handeln ließen. Dazu kam noch ihre Besorgnis, mein Beispiel könnte die Errichtung einer förmlichen Inquisition nach sich ziehen. Die Behörden und besonders Herr Meuron, der Nachfolger des Herrn von Ivernois als Generalprocurator, machten alle Anstrengungen, um mich zu vertheidigen. Der Obrist von Pury that, obgleich er ein einfacher Privatmann war, noch mehr und hatte bessern Erfolg. Er war es, der es dahin brachte, daß Montmollin in seinem Consistorium zu Kreuze kriechen mußte, indem er die Aeltesten in ihrer Pflicht erhielt. Da er großes Ansehen hatte, benutzte er es nach Kräften, den Aufstand niederzuhalten, aber er hatte der Macht des Geldes und des Weines nur die des Gesetzes, der Gerechtigkeit und der Vernunft entgegenzusetzen; die Partie war nicht gleich, und in diesem Punkte war der Vortheil auf Montmollins Seite. Gleichwohl hätte ich, für seine Mühen und seinen Eifer dankbar, ihm für seine Gefälligkeiten gern einen Gegendienst erwiesen und ihm seine Liebe auf irgend eine Weise vergolten. Ich wußte, daß sein größtes Verlangen nach einer Staatsrathsstelle gerichtet war; allein da er in Sachen des Predigers Petitpierre gegen den Hof Partei genommen hatte, befand er sich sowohl bei dem Fürsten wie bei dem Statthalter in Ungnade. Trotzdem wagte ich seinetwegen an Mylord Marschall zu schreiben, wagte sogar das Ziel seiner Sehnsucht zu erwähnen und mit so glücklichem Erfolge, daß ihm gegen aller Erwartung fast augenblicklich die Stelle eines Staatsrates vom Könige verliehen wurde. So fuhr das Schicksal, das mich gleichzeitig immer zu hoch und zu niedrig gestellt hat, fort, mich von einem Extrem in das andere zu schleudern, und während mich der Pöbel mit Koth bewarf, machte ich einen Staatsrath.

Meine zweite große Freude brachte mir ein Besuch, welchen mir Frau von Verdelin mit ihrer Tochter abstattete, die sie in das Bad Bourbonne gebracht hatte, von wo sie einen Abstecher nach Motiers machte und zwei oder drei Tage bei mir wohnte. Durch Aufmerksamkeit und stetes Entgegenkommen hatte sie endlich mein langes Widerstreben überwunden und mein von ihren Zärtlichkeiten besiegtes Herz erwiderte die echte Freundschaft, die sie mir so lange an den Tag gelegt hatte. Ich war von diesem Benehmen gerührt, vor allem in der Lage, in der ich mich befand, wo ich der Tröstungen der Freundschaft in so hohem Grade bedurfte, um meinen Muth aufrecht zu erhalten. Ich fürchtete, die Beleidigungen, die mir der Pöbel zufügte, würden sie ängstigen, und gern hätte ich ihr den Anblick derselben erspart, um ihr Herz nicht zu betrüben, aber dies war mir nicht möglich und obgleich ihre Gegenwart die Unverschämten auf unsren Spaziergängen ein wenig in Schranken hielt, sah sie doch genug, um sich eine Vorstellung von dem machen zu können, was sich zu andren Zeiten zutrug. Während ihres Aufenthalts bei mir war es sogar, daß man anfing, mich nächtlicher Weile in meiner eigenen Wohnung anzugreifen. Ihre Kammerfrau fand eines Morgens einen ganzen Haufen Steine vor meinem Fenster, die man während der ganzen Nacht dagegen geworfen hatte. Eine sehr schwere Bank, die auf der Straße neben meiner Hausthüre stand und sehr haltbar befestigt war, wurde losgemacht, aufgehoben und aufrecht gegen die Thüre gestellt, so daß, wäre es nicht bemerkt worden, der Erste, welcher, um herauszugehen, die Thüre geöffnet hätte, erschlagen worden wäre. Frau von Verdelin erfuhr alles, was sich zutrug, sehr genau, denn abgesehen von dem, was sie selbst sah, verkehrte auch ihr vertrauter Diener häufig im Dorfe, machte sich mit aller Welt bekannt und wurde sogar mit Montmollin in Unterhaltung gesehen. Indessen schien sie nichts von dem, was mir widerfuhr, Beachtung zu schenken, redete mit mir weder von Montmollin noch irgend einem andern und erwiderte wenig auf das, was ich ihr bisweilen darüber mittheilte. Nur schien sie überzeugt, daß für mich der Aufenthalt in England passender wäre als irgend ein anderer, und redete mit mir viel von Herrn Hume, der damals in Paris war, von seiner Freundschaft für mich und von seinem Wunsche, mir in seiner Heimat nützlich zu werden. Es ist an der Zeit, etwas über Herrn Hume zu sagen.

Er hatte sich in Frankreich und namentlich unter den Encyklopädisten durch seine Abhandlungen über Handel und Politik und zuletzt durch seine Geschichte des Hauses Stuart, die einzige seiner Schriften, von der ich etwas in der Uebersetzung des Abbé Prévost gelesen hatte, einen großen Ruhm erworben. Da ich seine übrigen Werke nicht gelesen, glaubte ich an das, was man mir von ihm erzählte, daß er nämlich trotz seiner englischen Anschauungen über die Vorzüge des Luxus doch eine echt republikanische Seele hätte. In Folge dieser Ansicht betrachtete ich seine ganze Verteidigung Karls I. als ein Wunder von Unparteilichkeit und hatte eine eben so große Vorstellung von seiner Tugend wie von seinem Genie. Das Verlangen, diesen seltenen Mann kennen zu lernen und seine Freundschaft zu erlangen, hatte die Versuchung, nach England zu gehen, welche die Bitten der Frau von Boufflers, einer aufrichtigen Freundin des Herrn Hume, in mir rege machten, sehr verstärkt. Nach meiner Übersiedelung nach der Schweiz empfing ich von ihm durch diese Dame einen äußerst schmeichelhaften Brief, in welchem er an die größten Lobeserhebungen meines Genies die dringende Einladung anknüpfte, nach England zu kommen, und mir seinen und seiner Freunde ganzen Einfluß versprach, um mir den Aufenthalt daselbst angenehm zu machen. Ich suchte augenblicklich Mylord Marschall, den Landsmann und Freund des Herrn Hume auf, der mir alles Gute, was ich von ihm dachte, bestätigte und nur sogar eine literarische Anekdote über ihn mittheilte, die auf ihn eben so großen Eindruck gemacht hatte, wie sie auf mich machte. Wallace, der über die Bevölkerung bei den Alten gegen Hume geschrieben hatte, war während des Druckes seines Werkes abwesend. Hume übernahm die Correctur der Druckbogen und die Ueberwachung der Herausgabe. Diese Handlungsweise entsprach meiner Denkungsart. Gerade so hatte ich Abschriften eines wider mich verfaßten Liedes das Stück zu sechs Sous verkauft. Ich hatte also jede Art günstigen Vorurtheils für Herrn Hume, als mir Frau von Verdelin bei ihrem Besuche lebhaft von der Freundschaft, die er für mich zu hegen versicherte, und von seinem Eifer sprach, mir, wie sie sich ausdrückte, im Namen Englands Gastfreundschaft zu gewähren. Sie drang lebhaft in mich, diesen Eifer zu benutzen und an Herrn Hume zu schreiben. Da ich England ursprünglich nicht sehr liebte und mich nur in der äußersten Noth dorthin wenden wollte, weigerte ich mich zu schreiben und ein festes Versprechen abzulegen, räumte ihr jedoch das Recht ein, alles zu thun, was sie für angemessen erachten würde, um Herrn Hume in seiner günstigen Stimmung zu erhalten. Als sie von Motiers schied, ließ sie mich nach allem, was sie mir von diesem berühmten Manne erzählt hatte, in der Ueberzeugung zurück, daß er zu meinen Freunden und sie noch weit mehr zu seinen Freundinnen zählte. Nach ihrer Abreise trieb Montmollin seine Schändlichkeiten weiter, und der Pöbel kannte keinen Zügel mehr. In einem langen an Du Peyrou gerichteten Briefe vom 8. August 1765, der ausdrücklich dazu geschrieben war, um veröffentlicht zu werden und es in der That auch bald darauf wurde, schildert Rousseau ausführlich die Geschichte seiner Beziehungen zu dem Pfarrer von Motiers und läßt den Charakter dieses Mannes und die Ungerechtigkeit feiner Handlungsweise gegen ihn in einem noch sonderbareren Lichte erscheinen. Man lese seine Briefe. Ich fuhr indessen fort, inmitten des Hohngeschreies ruhig einherzugehen, und da die Lust an der Botanik, die mir der Arzt d'Ivernois eingeflößt hatte, meinen Spaziergängen ein neues Interesse verlieh, durchstreifte ich Kräuter suchend die Gegend, ohne mich durch das Geschrei dieses ganzen Gesindels beunruhigen zu lassen, dessen Wuth meine Kaltblütigkeit nur noch mehr reizte. Was mich am meisten schmerzte war, daß ich sehen mußte, wie die Familien meiner Freunde Dieses widrige Geschick hatte von meinem Aufenthalte in Yverdun an seinen Anfang genommen, denn als ein oder zwei Jahre nach meiner Abreise aus dieser Stadt der Bannerherr Roguin gestorben, war der alte Papa Roguin so aufrichtig, mir mit Bedauern mitzutheilen, man hätte unter den Papieren seines Verwandten Beweise gefunden, daß auch er sich der Verschwörung angeschlossen hätte, mich aus Yverdun und dem Canton Bern zu vertreiben. Dies bewies ganz deutlich, daß diese Verschwörung nicht, wie man es glauben machen wollte, eine Sache der Frömmelei war, da der Bannerherr Roguin nicht nur nicht zu den Frommen gehörte, sondern den Materialismus und Unglauben bis zur Unduldsamkeit und zum Fanatismus trieb. Uebrigens hatte mich in Yverdun niemand so in Beschlag genommen, hatte mir so viele Verbindlichkeiten, Lobeserhebungen und Schmeicheleien gesagt, als der erwähnte Bannerherr. Er befolgte getreulich den von meinen Verfolgern gutgeheißenen Plan. oder solcher Leute, die sich dafür ausgaben, ganz offen in die Reihe meiner Verfolger eintraten, wie die Ivernois, sogar mit Einschluß des Vaters und Bruders meiner Isabella, Boy de la Tour, ein Verwandter der Freundin, bei welcher ich wohnte, und Frau Girardier, ihre Schwägerin. Dieser Peter Boy war ein solcher Tölpel, ein solcher Dummkopf und betrug sich so ungeschliffen, daß ich mir erlaubte, um nicht in Zorn zu gerathen, meinen Spaß mit ihm zu treiben. Ich schrieb nach Art des »Kleinen Propheten« eine Broschüre von wenigen Seiten unter dem Titel »Die Vision Peters vom Berge, genannt des Sehers«, in der ich Gelegenheit fand, mich zugleich über die Wunder, die einen Hauptvorwand zu meiner Verfolgung bildeten, in scherzhafter Weise zu ergehen. Du Peyrou ließ in Genf diesen Wisch, der in der Gegend nur unbedeutenden Erfolg hatte, drucken, da die Neufchâteler bei all ihrem Geiste attisches Salz und etwas seinen Witz nicht herauszufühlen vermögen.

Etwas mehr Fleiß verwandte ich auf eine andere Schrift aus der nämlichen Zeit, von der man das Manuscript unter meinen Papieren finden wird, und deren Inhalt ich hier angeben muß.

Bei der Flut der Erlasse und dem Sturme der Verfolgung hatten sich die Genfer besonders hervorgethan, indem sie ein gewaltiges Zetergeschrei erhoben, und unter andern wählte mein Freund Vernes mit einem wahrhaft theologischen Edelsinne gerade diese Zeit, um gegen mich Briefe zu veröffentlichen, in denen er zu beweisen behauptete, daß ich kein Christ wäre. Diese im Tone großer Selbstgefälligkeit geschriebenen Briefe wurden dadurch nicht besser, daß, wie man versicherte, der Naturforscher Bonnet dabei mit Hand angelegt hatte, denn obgleich Materialist kann sich der genannte Bonnet, sobald es sich um mich handelt, doch nicht enthalten, eine sehr unduldsame Orthodoxie an den Tag zu legen. Ich fühlte mich wahrlich nicht versucht, auf dieses Werk zu antworten, aber da sich mir die Gelegenheit darbot, in den »Briefen vom Berge« ein Wort darüber zu sagen, so schaltete ich in Bezug darauf eine ziemlich geringschätzende Anmerkung ein, die Vernes in Raserei versetzte. Er erfüllte Genf mit seinem Wuthgeschrei, und Ivernois theilte mir mit, daß er wie besessen wäre. Einige Zeit darauf erschien ein anonymes Blatt, das anstatt mit Tinte mit dem Wasser des Phlegethon geschrieben schien. In diesem Briefe klagte man mich an, meine Kinder auf der Straße ausgesetzt zu haben, eine Soldatendirne mit mir umherzuschleppen, von Ausschweifungen abgemergelt und durch und durch venerisch zu sein und andre Liebenswürdigkeiten ähnlicher Art. Es war mir nicht schwer, meinen Mann darin wiederzuerkennen. Mein erster Gedanke bei der Lectüre dieser Schmähschrift war, alles, was man unter den Menschen Ruf und guten Namen nennt, auf seinen wahren Werth zurückzuführen, sah ich doch, wie man einen Mann als Mädchenjäger behandelte, der nie ausgeschweift hatte und dessen Hauptfehler stets war, schüchtern und verschämt wie eine Jungfrau zu sein; mußte ich doch die Erfahrung machen, daß man mich durch und durch für venerisch hielt, mich, der ich nicht allein mein Leben lang nie von einem Leiden dieser Art ergriffen war, sondern den Fachkundige sogar für unfähig hielten, davon behaftet zu werden. Alles wohl erwogen, glaubte ich diese Schmähschrift nicht besser widerlegen zu können, als dadurch, daß ich sie in der Stadt, in welcher ich gelebt hatte, drucken ließe, und ich schickte sie an Duchesne, damit er sie wörtlich nebst einem Vorworte, in dem ich Herrn Vernes als Verfasser nannte, sowie mit einigen kurzen Bemerkungen zur Erläuterung der Thatsachen druckte. Nicht zufrieden mit der Vervielfältigung dieses Blattes sandte ich es auch mehreren Personen und unter andern dem Prinzen Ludwig von Württemberg, der mir mit großer Freundlichkeit entgegengekommen war und mit dem ich damals einen Briefwechsel unterhielt. Dieser Prinz, Du Peyrou und andere schienen zu zweifeln, daß Vernes der Verfasser der Schmähschrift war und tadelten mich, ihn allzu leichtsinnig als solchen bezeichnet zu haben. Auf ihre Vorstellungen hin stiegen Bedenken in mir auf, und ich forderte Duchesne auf, dieses Blatt zu unterdrücken. Guy schrieb mir, mein Geheiß wäre ausgeführt; ich habe ihn aber bei so vielen Gelegenheiten als Lügner erkannt, daß ich mich nicht wundern würde, hätte er diesmal ebenfalls gelogen. Von jener Zeit an umhüllte mich tiefste Dunkelheit, durch welche ich keine Wahrheit irgend einer Art zu erkennen vermochte.

Herr Vernes ertrug diese Bezichtigung mit einer Milde, die bei einem Manne, der sie nicht verdient und vorher eine so große Wuth gezeigt hatte, mehr als auffallend war. Er schrieb zwei oder drei sehr maßvolle Briefe an mich, deren Zweck mir zu sein schien, aus meinen Antworten zu ersehen, wie weit ich unterrichtet wäre und welchen Beweis ich wider ihn hätte. Ich gab ihm zwei kurze, trockne, dem Inhalte nach strenge, aber dem Wortlaute nach nicht unhöfliche Antworten, so daß er sie auch nicht übel aufnahm. Auf seinen dritten Brief antwortete ich nicht mehr, da ich einsah, daß er eine Art Briefwechsel anknüpfen wollte; er ließ mich durch Ivernois ausholen. Frau Cramer schrieb an Du Peyrou, sie wäre überzeugt, daß die Schmähschrift nicht von Vernes herrührte. Dies alles erschütterte meine Ueberzeugung zwar keineswegs, allein da ich mich am Ende doch irren konnte und in diesem Falle Vernes eine unzweideutige Ehrenerklärung schuldig war, so ließ ich ihm durch Ivernois sagen, ich würde ihm eine befriedigende Genugthuung geben, wenn er im Stande wäre, mir den wahren Verfasser anzuzeigen oder wenigstens den Beweis zu liefern, daß er derselbe nicht wäre. Ich that mehr. Da ich sehr gut begriff, daß ich, war er unschuldig, nach allem nicht das Recht zu verlangen hatte, er sollte mir einen Beweis liefern, so entschloß ich mich, in einer ziemlich umfangreichen Denkschrift die Gründe meiner Ueberzeugung darzulegen und sie dem Urtheil eines Schiedsrichters zu unterwerfen, den Vernes nicht zurückweisen könnte. Man wird nicht errathen, wen ich zum Schiedsrichter erwählte: den Genfer Rath. Am Ende der Denkschrift erklärte ich, wenn der Rath nach Prüfung derselben und in Folge der für nothwendig erachteten Untersuchungen, die er mit Erfolg führen könnte, den Urteilsspruch fällte, daß Herr Vernes nicht der Verfasser der Schmähschrift wäre, so würde ich es von dem Augenblicke an in aller Aufrichtigkeit nicht mehr glauben und ihn aufsuchen, um mich ihm zu Füßen zu werfen und so lange um Verzeihung zu bitten, bis ich sie erlangt hätte. Ich wage es auszusprechen: nie hat sich mein glühender Eifer für Billigkeit, nie die Redlichkeit und der Edelsinn meiner Seele, nie mein Vertrauen auf jene Gerechtigkeitsliebe, die allen Herzen angeboren ist, in größerem Umfange und deutlicher gezeigt, als in dieser bescheidenen und rührenden Denkschrift, in der ich ohne Bedenken meine unversöhnlichsten Feinde zu Schiedsrichtern zwischen dem Verläumder und mir einsetzte. Ich las diese Schrift Du Peyrou vor; er gab mir den Rath, sie nicht einzureichen, und ich befolgte ihn. Er rieth mir die Beweise, welche Vernes versprochen hatte, abzuwarten. Ich wartete auf sie und warte noch immer. Er rieth mir, inzwischen zu schweigen; ich schwieg und werde mein Leben lang trotz des Tadels schweigen, daß ich gegen Vernes eine schwere, falsche und unerwiesene Beschuldigung erhoben hätte, werde schweigen, obgleich ich von seiner Verfasserschaft innerlich eben so überzeugt bin wie von meinem Dasein. Meine Denkschrift befindet sich in Du Peyrou's Händen. Wenn sie je an das Tageslicht kommt, so wird man meine Gründe finden und in ihnen, wie ich hoffe, die Seele Jean Jacques erkennen, die meine Zeitgenossen so wenig haben verstehen wollen.

Es ist Zeit, zu dem traurigen Ende meines Aufenthaltes in Motiers und zu meiner Abreise aus dem Val de Travers zu kommen, nachdem ich zwei und ein halbes Jahr daselbst geweilt und acht Monate die unwürdigste Behandlung mit unerschütterlicher Beharrlichkeit erduldet hatte. Es ist mir unmöglich, mich der Einzelheiten dieses unangenehmen Zeitabschnittes deutlich zu erinnern, aber man wird sie in dem Berichte finden, den Du Peyrou darüber veröffentlichte und von dem ich in der Folge noch reden muß.

Seit der Abreise der Frau von Verdelin wurde die Gährung heftiger, und trotz der wiederholten Erlasse des Königs, trotz der zahlreichen Befehle des Staatsrates, trotz der Bemühungen des Gerichtsverwalters und der Behörden des Ortes schien das Volk, welches mich in aller Einfalt als den Antichrist betrachtete und all sein Geschrei vergeblich sah, endlich zur That übergehen zu wollen. Auf den Wegen begannen bereits Kieselsteine hinter mir her zu rollen, allerdings noch immer aus zu großer Ferne geschleudert, um mich treffen zu können. In der Nacht nach dem Jahrmarkt zu Motiers, der im Anfange des Septembers stattfindet, wurde ich endlich in meiner Wohnung dergestalt angegriffen, daß das Leben seiner Bewohner gefährdet war.

Um Mitternacht vernahm ich einen großen Lärm auf der Galerie, welche um die Hinterseite des Hauses lief. Ein Hagel von Steinen wurde gegen das Fenster und die Thüre, welche auf diese Galerie hinausgingen, geschleudert und fiel mit solchem Gepolter dagegen, daß mein Hund, der auf der Galerie schlief und zu bellen angefangen hatte, vor Schrecken verstummte und sich in einen Winkel rettete, worauf er an den Brettern nagte und kratzte, um sich durch sie flüchten zu können. Bei dem Lärm erhebe ich mich; ich wollte eben aus meinem Zimmer in die Küche treten, als ein von kräftiger Hand geschleuderter Stein, nachdem er das Fenster zerschmettert hatte, durch die Küche flog, die Thüre zu meinem Zimmer aufriß und zu Füßen meines Bettes niederfiel, so daß ich, wäre ich eine Sekunde früher herausgetreten, den Stein gegen den Leib bekommen hätte. Ich nahm an, daß man den Lärm erhoben hatte, um mich herbeizuziehen und der Stein zu meinem Empfange geworfen war. Ich stürze in die Küche. Ich finde Therese, die sich ebenfalls erhoben hatte und zitternd auf mich zueilte. Wir stellen uns, um den Steinwürfen zu entgehen, an eine Wand, die nicht in der Richtung des Fensters lag, und überlegen, was wir thun sollten, denn hinauszugehen, um Hilfe herbeizurufen, hätte uns der Gefahr der Ermordung ausgesetzt. Glücklicherweise stand die Magd eines alten Ehrenmannes, der unter mir wohnte, bei dem Lärm auf und lief, den Herrn Gerichtsverwalter, mit dem wir Thüre an Thüre wohnten, herbeizurufen. Er springt aus dem Bette, zieht schnell seinen Schlafrock an und kommt augenblicklich mit der Wache, die des Jahrmarkts wegen diese Nacht die Runde machte und sich ganz in der Nähe befand. Der Gerichtsverwalter sah die Verwüstung mit einem solchen Entsetzen, daß er erblaßte, und schrie bei dem Anblicke der Steine, die aufgehäuft auf der Galerie lagen: »Das ist ja ein wahrer Steinbruch!« Als man unten auf der Straße Nachsuchungen hielt, fand sich, daß das Thor eines kleinen Hofes erbrochen war, und man versucht hatte von der Galerie aus in das Haus einzudringen. Bei der Untersuchung, weshalb die Wache nicht die Verwüstung bemerkt oder verhindert hatte, stellte sich heraus, daß die Leute aus Motiers hartnäckig darauf bestanden hätten, die Wache zu bilden, obgleich nicht die Reihe an ihnen, sondern an einem anderen Dorf war. Am folgenden Tage reichte der Gerichtsverwalter seinen Bericht bei dem Staatsrathe ein, der ihm zwei Tage darauf den Befehl ertheilte, eine Untersuchung über diese Angelegenheit einzuleiten, den Anzeigern der Schuldigen eine Belohnung und Stillschweigen zu geloben und inzwischen vor meinem Hause wie vor dem des Gerichtsverwalters, das daran stieß, auf Staatskosten Posten aufzustellen. Den nächsten Tag statteten mir der Obrist von Pury, der General-Procurator Meuron, der Gerichtsverwalter Martinet, der Steuererheber Guyenet, der Rentmeister von Ivernois und sein Vater, mit einem Worte alle Leute von Einfluß im Orte ihren Besuch ab und vereinigten ihre Bitten, um mich dahin zu bewegen, dem Sturme zu weichen und wenigstens für eine Zeit von einer Pfarrei fern zu bleiben, in der ich nicht mehr in Sicherheit und in Ehren wohnen könnte. Ich bemerkte sogar, daß der Gerichtsverwalter, entsetzt über die Wuth dieses wahnsinnigen Volkes und von der Besorgnis erfüllt, sie könnte sich auf ihn ausdehnen, sehr froh gewesen wäre, mich augenblicklich abreisen zu sehen, damit er mich nicht mehr zu beschützen brauchte und selbst den Ort verlassen könnte, wie er gleich nach meiner Abreise that. Ich gab deshalb nach und sogar ohne große Mühe, denn der Anblick des Volkshasses rief in mir eine Herzbeklemmung hervor, die ich nicht länger auszuhalten vermochte. Diese Steinigung, von der Rousseau eine so ausführliche Erzählung giebt, daß man gar nicht annehmen kann, er habe sich alle diese Umstände nur zu seiner Belustigung ersonnen, ist gleichwohl in Zweifel gezogen, und die, welche die Wahrheit dieses Vorfalls bestreiten, haben ebenfalls Anspruch auf das Vertrauen des Lesers. Herr Servan will von einem glaubwürdigen Manne, der Rousseau den nächsten Tag selbst einen Besuch abstattete, vernommen haben, daß die von dem im Zimmer gefundenen Steinen in den Scheiben herrührenden Löcher kleiner waren als die Steine selbst, und er erblickt darin nur einen Streich von Rousseaus Haushälterin, um ihren Herrn zu bestimmen, ein Land zu verlassen, in dem sie sich langweilte.

Ich hatte die Wahl unter mehr als einem Zufluchtsorte. Seit der Rückkehr der Frau von Verdelin nach Paris hatte sie mir in mehreren Briefen von einem von ihr als Lord bezeichneten Herrn Walpole erzählt, der, von Begeisterung für mich erfüllt, mir ein Asyl auf einem seiner Güter anbot, von dem sie mir die freundlichste Schilderung machte und dabei in Bezug auf Wohnung und Unterhalt in Einzelheiten einging, die mich erkennen ließen, in wie hohem Grade der erwähnte Lord Walpole sich im Verein mit ihr mit diesem Plane beschäftigte. Mylord Marschall hatte mir stets zu England oder Schottland gerathen und bot mir daselbst ebenfalls eine Zuflucht an, aber er bot mir auch eine an, die mich noch weit mehr in Versuchung führte, nämlich bei ihm in Potsdam. Er hatte mir eine Aeußerung des Königs über mich mitgetheilt, in der eine Art Einladung lag, mich zu ihm zu begeben; und die Frau Herzogin von Sachsen-Gotha rechnete so zuversichtlich auf meine baldige Abreise nach Potsdam, daß sie mich dringend einlud, sie auf der Durchreise zu besuchen und mich einige Zeit bei ihr aufzuhalten. Aber ich hatte eine solche Anhänglichkeit an die Schweiz, daß ich mich sie zu verlassen nicht entschließen konnte, so lange es mir möglich sein würde, in ihr zu leben, und ich benutzte diese Zeit, ein Vorhaben auszuführen, mit dem ich mich seit einigen Monaten trug und von dem ich noch nicht reden konnte, um den Faden meiner Erzählung nicht abzubrechen.

Mein Vorsatz bestand darin, mich auf der mitten im Bieler See gelegenen Insel Saint-Pierre, die zu dem Grundeigenthume des Berner Armen- und Krankenhauses gehörte, niederzulassen. Auf einer Fußreise, die ich den vorhergehenden Sommer mit Du Peyrou gemacht, hatten wir diese Insel besucht, und ich war von ihr so entzückt gewesen, daß ich seitdem nicht aufgehört hatte, über den Weg nachzudenken, auf welchem ich es dahin bringen konnte, mich auf ihr häuslich einzurichten. Das größte Hindernis war, daß die Insel den Bernern gehörte, die mich vor drei Jahren schändlicherweise aus ihrem Gebiete getrieben hatten, und außerdem daß sich mein Stolz dagegen sträubte, zu Leuten zurückzukehren, die mich so übel aufgenommen hatten, mußte ich auch befürchten, daß sie mich auf dieser Insel nicht mehr in Ruhe lassen würden als in Yverdun. Ich hatte den Mylord Marschall darüber um Rath gefragt, der gleich mir der Ansicht war, die Berner würden sehr froh sein, mich auf dieser Insel in der Zurückgezogenheit zu sehen und mich dort als Geißel für die Schriften festzuhalten, zu deren Abfassung ich mich noch versucht fühlen könnte, und hatte deshalb durch einen Herrn Sturler, seinen alten Nachbar in Colombier, die bei ihnen darüber herrschende Gesinnung sondiren lassen. Herr Sturler wandte sich an verschiedene hohe Staatsbeamte und auf ihre Mittheilungen hin versicherte Mylord Marschall, daß die Berner, voller Scham über ihr früheres Benehmen, nichts Besseres verlangten, als mich auf der Insel Saint-Pierre ansässig zu sehen, und mich dort in Ruhe zu lassen. Ehe ich meinen Wohnsitz daselbst aufzuschlagen wagte, ließ ich im Uebermaß der Vorsicht neue Erkundigungen durch den Obrist Chaillet einziehen, der mir dasselbe versicherte; und da der Steuererheber der Insel von seiner Behörde die Erlaubnis erhalten hatte, mich bei sich aufzunehmen, so glaubte ich bei der stillschweigenden Genehmigung sowohl der Regierung wie der Eigenthümer nichts zu wagen, wenn ich mich bei ihm niederließ, denn ich konnte doch unmöglich hoffen, daß die Herren von Bern die Ungerechtigkeit, die sie mir zugefügt, offen anerkennen und dadurch gegen den unverletzlichen Grundsatz aller Regierenden sündigen würden.

Die mitten im Bieler See gelegene Insel Saint-Pierre, in Neufchâtel Mothe genannt, hat einen Umfang von ungefähr einer halben Stunde; aber auf dieser kleinen Fläche bringt sie alle zum Leben nöthigen Haupterzeugnisse hervor. Sie hat Felder, Wiesen, Obstgärten, Waldungen, Weinberge, und das alles bildet in Folge eines abwechselnden und gebirgigen Terrains eine mir so angenehmere Vertheilung, als die Schönheiten der Gegend nicht alle auf einmal hervortreten, sondern sich gegenseitig hervorheben und die Insel größer erscheinen lassen, als sie in Wahrheit ist. Eine sehr hochgelegene Terrasse bildet die nach Gleresse und Bonneville hinauslegende Westseite der Insel. Man hat diese Terrasse mit einer langen Allee bepflanzt, die man in der Mitte durch einen großen hallenartigen Raum unterbrochen hat, in dem man sich während der Weinlese des Sonntags von allen Ufern der Nachbarschaft versammelt, um zu tanzen und sich zu unterhalten. Es giebt auf der Insel nur ein einziges, aber geräumiges und bequemes Haus, in dem der Steuererheber wohnt und das in einer Vertiefung liegt, welche es gegen die Winde schützt.

Fünf- oder sechshundert Schritt südlich von der Insel liegt eine andere, noch weit kleinere, unbebaute und wüste Insel, die von der großen einst durch Stürme losgerissen zu sein scheint und auf ihrem Kiessande nur Weiden und Pfirsichkraut hervorbringt, auf der sich aber sehr rasige und freundlich gelegene Hügelketten finden. Die Form dieses Sees ist ein fast regelmäßiges Oval. Seine Ufer sind, wenn auch weniger reich als die des Genfer und Neufchâteler Sees, trotzdem ziemlich schön und freundlich, namentlich auf der sehr bevölkerten Westseite, die am Fuße einer Bergkette ähnlich wie bei Côte-Rôtie von Weinbergen eingefaßt ist, welche allerdings keinen eben so guten Wein liefern. Geht man von Süden nach Norden, so liegt dort das Amtsgericht von Saint-Jean, Bonneville, Biel und am äußersten Ende des Sees Ridau, die von zahlreichen sehr freundlichen Dörfern getrennt sind.

So war der Zufluchtsort, den ich mir ausersehen hatte. Hier war ich entschlossen, mich niederzulassen, wenn ich Val de Travers verließ. Es ist vielleicht nicht unnütz, darauf hinzuweisen, daß ich dort einen persönlichen Feind in einem Herrn Du Terraux, dem Bürgermeister von Verrières zurückließ, einen Mann, der in sehr geringer Achtung im Lande stand, aber einen als echten Biedermann ausgeschrienen Bruder in den Bureaux des Herrn von Saint-Florentin hat. Der Bürgermeister hatte ihn einige Zeit vor Eintritt meines Unglückes besucht. Solche kleine Wahrnehmungen ähnlicher Art, die an sich bedeutungslos sind, können in der Folge zur Entdeckung vieler Schleichwege führen. Diese Wahl stand mit meiner Friedensliebe, mit meinem Hange zur Einsamkeit und Muße so sehr in Einklang, daß ich sie zu den süßen Träumereien rechne, für die ich mich am lebhaftesten begeisterte. Es schien mir, ich würde auf dieser Insel mehr von den Menschen geschieden, mehr gegen ihre Beleidigungen geschützt, mehr von ihnen vergessen, kurz mehr den Süßigkeiten der Muße und des beschaulichen Lebens hingegeben sein. Ich hätte auf dieser Insel so abgesperrt sein mögen, daß ich gar keinen Verkehr mit den Sterblichen mehr gehabt hätte, und ich ergriff in der That alle nur denkbare Maßregeln, um mich der Notwendigkeit zu seiner Weiterführung zu entziehen.

Es handelte sich darum, wovon ich leben wollte, denn sowohl wegen der Theuerung der Lebensmittel als auch wegen der Schwierigkeit ihrer Herbeischaffung ist auf dieser Insel, auf der man überdies völlig in der Gewalt des Steuererhebers ist, der Unterhalt gar kostspielig. Diese Schwierigkeit wurde durch ein Übereinkommen mit Du Peyrou gehoben, das er freundlicher Weise mit mir abschloß; er trat nämlich an die Stelle der Gesellschaft, die von der ursprünglich übernommenen Gesammtausgabe meiner Werke zurückgetreten war. Ich überließ ihm alle Materialien zu dieser Ausgabe, entwarf ihre Eintheilung und Reihenfolge, übernahm die Verpflichtung, ihm die Denkwürdigkeiten meines Lebens zu übergeben und vertraute ihm ausnahmslos alle meine Papiere an, mit der ausdrücklichen Bedingung, von ihnen erst nach meinem Tode Gebrauch zu machen, da es mir lediglich darum zu thun war, meine Lebensbahn ruhig zu beenden, ohne mich ferner dem Publikum in Erinnerung zu bringen. Die Leibrente, zu deren Zahlung er sich dafür verpflichtete, genügte für meinen Unterhalt. Als Mylord Marschall alle seine Güter zurückerhalten, hatte er mir eine Rente von 1200 Franken angeboten, die ich zur Hälfte angenommen hatte. Er wollte mir das Kapital derselben zusenden, das ich im Hinblick auf meine Unfähigkeit, es richtig anzulegen, ablehnte. Er ließ dieses Kapital deshalb Du Peyrou zustellen, in dessen Händen es geblieben ist und der mir nach Vereinbarung mit dem Stifter die Leibrente auszahlt. Rechne ich zu dem mit Du Peyrou abgeschlossenen Vertrage die Pension Mylord Marschalls, von der nach meinem Tode zwei Drittel auf Therese übergingen, sowie die mir von Duchesne ausgesetzte Rente von 300 Franken, so konnte ich sowohl für mich wie auch nach meinem Tode für Therese auf ein anständiges Auskommen rechnen. Letzterer hinterließ ich theils aus der Pension Neys, theils aus der Mylord Marschalls eine Rente von siebenhundert Franken; so brauchte ich nicht mehr zu fürchten, daß ihr oder mir je das Brot fehlen könnte. Aber es stand geschrieben, daß die Ehre mich zwingen sollte, alle Hilfsquellen zurückzuweisen, die mir das Glück wie mein Fleiß eröffnet hatten, daß ich eben so arm sterben sollte, wie ich gelebt. Man wird sich selbst ein Urtheil bilden, ob ich, wollte ich nicht ganz ehrlos handeln, Vereinbarungen einhalten konnte, die man für mich stets schmachvoll zu machen sorgte, während man mir zugleich mit aller Sorgfalt jede andre Hilfsquelle raubte, um mich zu zwingen, in meine Entehrung zu willigen. Wie hätten sie bei einer solchen Wahl zweifeln sollen, wofür ich mich entscheiden würde? Sie haben mein Herz stets nach dem ihrigen beurtheilt.

Ueber mein Auskommen beruhigt, war ich auch nach jeder andren Seite hin ohne Sorgen. Obgleich ich meinen Feinden das Feld in der Welt frei ließ, hinterließ ich in der edlen Begeisterung, die mir meine Schriften eingegeben hatten, wie in der beharrlichen Gleichmäßigkeit meiner Grundsätze ein Zeugnis für meine Seele, welches dem entsprach, das mein ganzer Wandel für meinen Charakter ablegte. Ich bedurfte keiner andern Vertheidigung wider meine Verleumder. Sie waren im Stande, unter meinem Namen einen andren Mann zu schildern; aber sie waren nur im Stande, diejenigen zu täuschen, welche getäuscht sein wollten. Ich konnte ihrer Kritik mein Leben von einem Ende zum andern unterbreiten; ich war sicher, daß man hinter meinen Fehlern und Schwächen, hinter meiner Unfähigkeit, ein Joch zu ertragen, doch immer einen gerechten, guten, von Bitterkeit und Haß freien Menschen finden würde, bereit, sein eigenes Unrecht anzuerkennen und noch bereitwilliger, das Anderer zu vergessen, kurz einen Menschen, der sein ganzes Glück in liebenswürdigen und gefälligen Leidenschaften sucht und bei allen Dingen die Aufrichtigkeit bis zur Unklugheit, ja bis zur unglaublichsten Selbstverläugnung treibt.

Gewissermaßen nahm ich also von meinem Jahrhundert und meinen Zeitgenossen Abschied und sagte der Welt Lebewohl, indem ich mich für meine übrigen Lebenstage auf diese Insel zurückzog, denn dies war mein Entschluß, und dort hoffte ich endlich meinen großen Plan, in voller Muße zu leben, ausführen zu können. Vergeblich hatte ich ihm bisher die geringe Thatkraft geweiht, die mir der Himmel verliehen hatte. Diese Insel sollte für mich das selige Eiland werden, wo man schläft,

und mehr noch thut, nichts thut in Zeit und Ewigkeit.

Dieses »mehr noch« war für mich alles, denn ich habe mich immer wenig nach dem Schlaf gesehnt; die Muße genügt mir, und wenn ich nur nichts zu thun brauche, träume ich lieber im Wachen als im Schlafe. Da das Alter romantischer Pläne vorüber war und mich der Dunst des Ruhmes mehr betäubt als erhoben hatte, so bestand meine letzte Hoffnung darin, ein zwangloses Leben in einer ewigen Muße zu führen. Das ist das Leben der Seligen in der andern Welt, und ich bildete mir daraus schon den Anfang meiner Seligkeit in dieser hier.

Die, welche mir so viele Widersprüche zum Vorwurf machen, werden nicht verabsäumen, hier einen neuen gegen mich zu erheben. Ich habe gesagt, daß mir die Unthätigkeit in den gesellschaftlichen Zusammenkünften dieselben unerträglich machte, und nun suche ich mit einem Male die Einsamkeit nur deshalb auf, um mich der Unthätigkeit zu überlassen. So bin ich nun aber; liegt ein Widerspruch darin, so trägt die Natur daran die Schuld und nicht ich; allein er liegt so wenig darin, daß ich gerade dadurch immer der gleiche bin. Der Müßiggang in den Gesellschaften ist, weil von der Notwendigkeit erzwungen, tödtend; der in der Einsamkeit ist, weil frei und der Ausfluß des eigenen Willens, entzückend. In einer Gesellschaft ist es mir grausam, nichts zu thun, weil es der Zwang erfordert. Ich muß auf meinem Stuhle wie angenagelt sitzen oder steif wie ein Pflock dastehen, ohne Hand und Fuß zu rühren, darf nicht laufen, nicht springen, nicht singen, nicht schreien, nicht gesticuliren, wenn ich Lust dazu habe, ja, darf nicht einmal träumen. Ich empfinde gleichzeitig alle Langeweile des Müßigseins und alle Qual des Zwanges; ich bin genöthigt, auf alle Albernheiten, die gesprochen, und auf alle Höflichkeiten, die erwiesen werden, zu merken, und unaufhörlich mein Gehirn anzustrengen, um meinerseits meinen schlechten Witz und meine Lüge vorbringen zu können. Und das nennt ihr Muße! Das ist eine Sträflingsarbeit Der Müßiggang, den ich liebe, ist nicht der eines Faulenzers, der mit gekreuzten Armen in völliger Unthätigkeit verharrt und nicht mehr denkt, als er handelt. Es ist zugleich der eines Kindes, das unaufhörlich in Bewegung ist, um doch nichts zu thun, wie der eines Schwätzers, der den Faden verliert, sobald seine Arme einen Augenblick ruhen. Ich beschäftige mich gern mit allerlei Kleinigkeiten, beginne hunderterlei Dinge und vollende keines, gehe und komme, wie es mir einfällt, ändere jeden Augenblick mein Vorhaben, folge einer Fliege in ihrem Fluge, versuche einen Felsen umzustürzen, um zu sehen, was darunter ist, beginne mit Feuereifer eine zehnjährige Arbeit und gebe sie schon nach zehn Minuten ohne Bedauern auf, kurz vertändle den ganzen Tag ohne Plan und Ordnung und folge in allem nur der Laune des Augenblicks.

Wie ich die Botanik immer betrachtet habe und wie sie meine Leidenschaft zu werden begann, war sie auch nur ein müßiges Studium, geeignet, die ganze Leere meiner Muße auszufüllen, ohne den Ausschweifungen der Einbildungskraft oder der Langeweile einer völligen Unthätigkeit Platz zu gewähren. Behaglich durch Wald und Flur umherstreifen, mechanisch hier und da bald eine Blume sammeln, bald einen Zweig abbrechen, auf gutes Glück eine Blüte nach der andern aussaugen, tausend und tausend Mal dieselben Dinge und immer mit gleichem Interesse beobachten, weil ich sie beständig vergaß, das war, womit ich die Ewigkeit hätte zubringen können, ohne auch nur einen Augenblick Langeweile zu empfinden. Wie zierlich, wie bewunderungswürdig, wie verschieden der Bau der Pflanzen auch sein möge, so ist er für ein ungeschultes Auge doch nicht so auffallend, um es anzuziehen. Diese unwandelbare Aehnlichkeit und doch diese wunderbare Verschiedenheit, die in ihrer Organisation herrscht, entzückt nur die, welche bereits eine gewisse Vorstellung von der Pflanzenkunde haben. Die Andren haben beim Anblick aller dieser Schätze der Natur nur eine stumpfsinnige und einförmige Bewunderung. Sie gewahren nichts im Einzelnen, weil sie nicht einmal wissen, was sie anblicken müssen, und sie sehen eben so wenig das Ganze, weil sie keine Vorstellung von dieser Verkettung der Beziehungen und Verbindungen haben, welche den Geist des Beobachters mit ihren Wundern überwältigt. Bei meinem schwachen Gedächtnisse erhielt ich mich auf der glücklichen Stufe, wenig genug zu wissen, so daß mir alles neu blieb, und genug, so daß mir alles verständlich war. Die verschiedenen Bodenarten, die auf der Insel trotz ihrer Kleinheit hervortraten, boten mir eine hinreichende Abwechselung von Pflanzen zum Studium und zur Unterhaltung für meine ganze Lebenszeit dar. Kein Grashälmchen wollte ich ununtersucht lassen und ich schickte mich bereits an, um unter Hinzufügung einer ungeheuren Sammlung merkwürdiger Beobachtungen die Flora Petrinsularis zu schreiben.

Ich ließ Therese mit meinen Büchern und Sachen kommen. Wir gaben uns bei dem Steuererheber der Insel in Pension. Seine Frau hatte Schwestern in Nidan, welche der Reihe nach zum Besuch erschienen und Theresen Gesellschaft leisteten. Ich empfand da die ganze Würze eines süßen Lebens, das ich immerdar hätte genießen mögen; aber die Lust, die es mir gewährte, diente nur dazu, mir die Bitterkeit des Lebens, welches so bald darauf folgen sollte, nur desto fühlbarer zu machen.

Ich habe das Wasser immer leidenschaftlich geliebt, und sein Anblick versenkt mich in eine köstliche Träumerei, wenn auch oft ohne bestimmten Gegenstand. Ich verabsäumte nie, wenn es schönes Wetter war, unmittelbar nach dem Aufstehen auf die Terrasse hinauszueilen, um die gesunde und frische Morgenluft einzuathmen, und die Blicke über den Horizont dieses schönen Sees schweifen zu lassen, dessen Ufer mit den ihn umringenden Bergen mein Auge entzückten. Meines Erachtens giebt es keine der Gottheit würdigere Huldigung als diese stumme Bewunderung, welche die Betrachtung ihrer Werke erregt und sich nicht in äußeren Handlungen zu erkennen giebt. Ich begreife, wie die Bewohner der Städte, die nichts als Straßen, Mauern und Schlechtigkeiten sehen, wenig Glauben haben, aber ich kann nicht begreifen, wie Landleute, und namentlich einsam wohnende, keinen haben können. Wie erhebt sich ihre Seele nicht täglich hundertmal mit Begeisterung zum Schöpfer der Wunderwerke, die sich ihren Augen darbieten? Mich persönlich treibt namentlich nach dem Aufstehen, wenn ich von Schlaflosigkeit ermattet bin, eine lange Gewohnheit zu solchen Herzenserhebungen, die mir keine Anstrengung des Denkens auferlegen. Aber meine Augen müssen sich dazu an dem entzückenden Schauspiele der Natur weiden können. In meinem Zimmer bete ich seltener und weniger warmen Herzens; aber bei dem Anblick einer schönen Landschaft fühle ich mich bewegt, ohne sagen zu können wodurch. Ein frommer Bischof soll beim Besuche seiner Diöcese eine alte Frau gefunden haben, die statt jedes Gebetes nichts als immer wieder »O« zu sagen wußte. Zu ihr sagte er: »Gute Mutter, fahret so zu beten fort; euer Gebet ist Gott angenehmer als unseres.« Solches Gott angenehmere Gebet ist auch das meinige.

Nach dem Frühstücke beeilte ich mich, unlustig einige mir widerwärtige Briefe zu schreiben, mich leidenschaftlich nach dem glücklichen Zeitpunkte sehnend, wo ich keine mehr zu schreiben brauche. Ich machte mir einige Augenblicke etwas um meine Bücher und Papiere zu schaffen, mehr um sie auszupacken und zu ordnen, als um sie zu lesen; und diese Beschäftigung, die für mich zur Arbeit der Penelope wurde, gewährte mir das Vergnügen, eine kurze Zeit zu vertändeln, worauf ich mich langweilte und mit ihr aufhörte, um die drei oder vier Morgenstunden, die mir noch blieben, unter dem Studium der Botanik und besonders des Linnéischen Systems zuzubringen, für welches ich eine Leidenschaft faßte, von der ich mich nie vollkommen habe heilen können, selbst nachdem ich das Lückenhafte in demselben erkannt hatte. Dieser große Beobachter ist meines Erachtens nebst Ludwig der einzige, der die Botanik bis jetzt vom Standpunkt des Naturforschers wie des Philosophen betrachtet hat, aber er hat sie zuviel nach den Herbarien und Gärten und nicht genug nach der Natur selbst studirt. Was mich anlangt, der die ganze Insel als seinen Garten benutzte, so eilte ich, sobald ich eine Beobachtung machen oder ihre Richtigkeit bestätigen wollte, mein Buch unter dem Arme in die Wälder oder auf die Wiesen. Dort legte ich mich neben der fraglichen Pflanze auf die Erde, um sie in aller Ruhe zu untersuchen. Diese Methode hat mir viel geholfen, die Pflanzen in ihrem natürlichen Zustande kennen zu lernen, bevor sie durch Menschenhand angebaut und dadurch entartet sind. Fagon, Ludwigs XIV. erster Leibarzt, der im Jardin Royal alle Pflanzen nach ihrem Namen und ihren Eigenschaften auf das Genaueste kannte, soll auf dem Lande von solcher Unwissenheit gewesen sein, daß er keine wiedererkannte. Bei mir findet gerade das Gegentheil statt. Von dem Werke der Natur kenne ich etwas, von dem des Gärtners nichts.

Was die Nachmittage anlangt, so widmete ich sie gänzlich meiner Vorliebe für Müßiggang und meinem Hange, mich regellos dem Antriebe des Augenblickes zu überlassen. Bei ruhigem Wetter warf ich mich oft unmittelbar nach dem Mittagsessen allein in ein kleines Boot, das mich der Steuererheber gelehrt hatte mit einem einzigen Ruder zu führen, ich fuhr auf die Höhe des Sees hinaus. Der Augenblick, in dem ich vom Ufer abstieß, bereitete mir eine Freude, die bis zum Zittern ging, und deren Ursache ich außer Stande bin mir zu erklären oder einigermaßen zu begreifen, wenn es nicht vielleicht ein geheimes Glücksgefühl war, hier gegen die Angriffe der Bösen geschützt zu sein. Ich streifte dann allein auf diesem See umher und näherte mich bisweilen dem Ufer, ohne jedoch je zu landen. Oft ließ ich mein Boot auf den Wellen im Winde dahintreiben und gab mich ziellosen Träumereien hin, die, wenn auch thöricht, trotzdem nicht weniger köstlich waren. Oefters rief ich mit Rührung aus: »O Natur, o meine Mutter, hier stehe ich unter deinem Schutz allein, hier tritt kein listiger und schurkischer Mensch zwischen dich und mich!« Ich blieb so wohl eine halbe Stunde vom Lande entfernt; ich hätte gewünscht, der See wäre der Ocean gewesen. Meinem armen Hunde zu Liebe, der nicht ein eben so großer Freund von Wasserfahrten war wie ich, wählte ich mir indessen für meine Lustfahrten gewöhnlich ein bestimmtes Ziel. Dies pflegte die kleine Insel zu sein; an ihr landete ich, um auf ihr zwei oder drei Stunden zu lustwandeln oder mich auf dem Gipfel des Hügels auf den Rasen zu legen, in entzückender Bewunderung dieses Sees und seiner Umgebungen einzuschlummern, um alle Pflanzen, zu denen ich gelangen konnte, zu untersuchen und zu zergliedern und um mir wie ein zweiter Robinson in der Einbildung eine Wohnung auf diesem kleinen Eilande zu bauen. Dieser Erdhügel nahm mein ganzes Herz ein. Wie stolz war ich, wenn ich die Frau Steuererheberin und ihre Schwestern dorthin führen konnte, ihren Pilot und Wegweiser abzugeben! In feierlichem Aufzuge brachten wir Kaninchen nach der Insel, um sie zu bevölkern; ein Fest mehr für Jean-Jacques. Diese Bevölkerung machte mir die kleine Insel noch anziehender. Ich ging seitdem öfter und mit größerem Vergnügen dorthin, um Spuren von der Vermehrung der neuen Bewohner aufzusuchen.

Zu diesen Vergnügungen trat noch eine hinzu, die die Erinnerung an das süße Leben in den Charmettes wieder in mir wach rief, und zu der mich die Jahreszeit ganz besonders einlud. Sie bestand in einer Reihe ländlicher Beschäftigungen, die das Einernten der Gemüse und des Obstes erforderte und die wir, Therese und ich, mit Freuden mit der Frau Steuererheberin und ihrer Familie theilten. Ich entsinne mich, daß mich ein Berner, Namens Kirchberger, bei seinem Besuche auf einem hohen Baume sitzend fand, mit einem Sacke um den Leib, der bereits so voller Aepfel war, daß ich mich gar nicht mehr rühren konnte. Ich war gar nicht unzufrieden mit dieser und einigen ähnlichen Begegnungen. Ich hoffte, daß die Berner, die so Zeugen gewesen waren, mit welchen Beschäftigungen ich meine Muße ausfüllte, nicht mehr daran denken würden, mich in meiner Ruhe zu stören, und mich in meiner Einsamkeit in Frieden lassen würden. Ich wäre hier lieber nach ihrem Willen als nach dem meinigen verbannt geblieben; ich hätte dadurch eine größere Sicherheit gewonnen, meine Ruhe nicht gestört zu sehen.

Und nun bin ich wieder eines jener Geständnisse schuldig, bei denen ich im voraus von dem Unglauben der Leser überzeugt bin, die mich fortwährend nach sich selber beurtheilen, obgleich sie gezwungen worden sind, in dem ganzen Laufe meines Lebens tausend innere Regungen zu sehen, die den ihrigen nicht gleichen. Noch seltsamer ist dabei, daß sie mir zwar alle gute oder gleichgiltige Gefühle, die sie nicht haben, absprechen, dagegen mit der größten Bereitwilligkeit mir so böse anheften, daß sie gar nicht einmal fähig wären, sich Eingang in ein Menschenherz zu verschaffen. Sie finden es also ganz einfach, mich in Widerspruch mit der Natur zu setzen und aus mir ein Ungeheuer zu machen, wie gar keines existiren kann. Nichts Albernes scheint ihnen unglaublich, sobald es darauf ankommt, mich anzuschwärzen; nichts Außerordentliches scheint ihnen möglich, sobald es mir zur Ehre gereichen könnte.

Was sie jedoch auch glauben oder sagen mögen, so werde ich deshalb nicht weniger fortfahren, getreulich auseinanderzusetzen, was Jean Jacques Rousseau war, that und dachte, ohne die Sonderbarkeiten seiner Gefühle und Gedanken zu erklären oder zu rechtfertigen, oder Forschungen darüber anzustellen, ob andere gedacht haben wie er. Ich gewann die Insel Saint-Pierre so lieb, und der Aufenthalt auf ihr sagte mir so zu, daß ich alle meine Wünsche auf diese Insel übertrug und sie in den einen zusammenfaßte, nie von ihr zu scheiden. Die Besuche, die ich in der Nachbarschaft abzustatten, die Ausflüge, die ich nach Neufchâtel, Biel, Yverdun und Nidau zu machen hatte, ermüdeten mich schon in dem blosen Gedanken daran. Ein fern von der Insel verlebter Tag schien mir eine Schmälerung meines Glückes; und ein Heraustreten aus dem Umfange dieses Sees kam mir wie das Heraustreten aus meinem Elemente vor. Dazu kam, daß mich die Erfahrung ängstlich gemacht hatte. Sobald nur irgend ein Gut mein Herz angenehm berührte, so befürchtete ich schon, es zu verlieren, und das sehnliche Verlangen, meine Tage auf dieser Insel zu beschließen, war von der Furcht unzertrennlich, daß ich gezwungen werden könnte, sie zu verlassen. Ich hatte die Gewohnheit angenommen, mich des Abends, vor allem wenn der See erregt war, an das Ufer zu setzen. Ich fühlte ein eigenthümliches Vergnügen, die Wellen zu meinen Füßen sich brechen zu sehen; ich erblickte in ihnen das Bild des Aufruhrs in der Welt und des Friedens meines Wohnorts, und ich versetzte mich bei diesem süßen Gedanken oft in eine solche Rührung, daß ich fühlte, wie mir die Thränen über die Wangen hinabrollten. Diese Ruhe, an der ich mich mit Leidenschaft erfreute, wurde nur durch die Beunruhigung gestört, sie zu verlieren; aber diese Beunruhigung ging bis zu dem Grade, mir die ganze Süßigkeit der Ruhe zu verkümmern. Ich fühlte meine Lage so bedroht, daß ich auf ihre Fortdauer nicht zu zählen wagte. »Ach,« sagte ich zu mir selbst, »wie gern würde ich die Freiheit, von hier fortzugehen, an der mir nichts gelegen ist, gegen die Gewißheit vertauschen, beständig hier bleiben zu können! Weshalb bin ich nicht, anstatt hier aus Gnaden geduldet zu werden, mit Gewalt hier zurückgehalten? Ich werde hier nur geduldet und kann jeden Augenblick von hier vertrieben werden; kann ich wohl hoffen, daß meine Verfolger, wenn sie mich hier glücklich sehen, mir mein Glück länger gönnen werden? Ach, es ist wenig, daß man mir gestattet, hier zu leben; ich wünschte, man verurtheilte mich dazu, und möchte gezwungen sein, hier zu bleiben, um nicht gezwungen zu werden, fortzugehen!« Mit neidischem Auge blickte ich auf den glücklichen Michael Ducret, der, ruhig auf seinem Schlosse Arberg, nur den Willen zu haben brauchte, glücklich zu sein, um es wirklich zu sein. Kurz, dadurch daß ich mich solchen Betrachtungen und den beunruhigenden Vorahnungen von neuen Stürmen, die gegen mich heranzogen, überließ, gelangte ich zu dem unglaublich sehnlichen Wunsche, daß man mich auf dieser Insel nicht nur dulden, sondern sie mir zum ewigen Gefängnisse geben möchte; und ich kann schwören, wäre es nur auf mich angekommen, mich hierher verurtheilen zu lassen, so hätte ich es mit der größten Freude gethan, da ich den Zwang, meine übrigen Lebenstage hier zubringen zu müssen, tausendmal der Gefahr vorzog, von hier vertrieben zu werden. In seinen »Träumereien« (fünfter Spaziergang) giebt er eine noch ausführlichere Schilderung der Insel Saint-Pierre und ergeht sich mit großer Befriedigung über das köstliche, reine und volle Glück, welches er während der zwei Monate seines dortigen Aufenthalts beständig genossen hat.

Diese Furcht erwies sich bald als nicht ungegründet. In dem Augenblicke, wo ich es am wenigsten erwartete, erhielt ich einen Brief von dem Herrn Landvogt zu Nidau, zu dessen Verwaltungsbezirk die Insel Saint-Pierre gehört, in dem er mir den Befehl ihrer Excellenzen ankündigte, die Insel und ihre Staaten zu verlassen. Beim Lesen desselben glaubte ich zu träumen. Nichts war weniger natürlich, weniger vernünftig, weniger vorausgesehen als ein solcher Befehl, denn ich hatte meine Ahnungen mehr für die Beängstigungen eines durch sein Unglück erschreckten Mannes gehalten als für eine Voraussicht, die auch nur den geringsten Grund hatte. Die Maßregeln, die ich ergriffen hatte, um mir die stillschweigende Einwilligung der Staatsbehörde zu verschaffen, die Ruhe, mit der man meine Niederlassung mitangesehen hatte, die Besuche mehrerer Berner und des Landvogts selber, der mich mit Freundschaftsbeweisen und Zuvorkommenheiten überhäuft, die Strenge der Jahreszeit, in der die Landesverweisung eines kränklichen Mannes barbarisch war, alles ließ mich mit vielen andren Leuten glauben, daß es sich bei diesem Befehle um ein Mißverständnis handelte und die Uebelgesinnten gerade die Zeit der Weinlese und der Unvollständigkeit des Senats gewählt hätten, um mir diesen Schlag plötzlich zu versetzen.

Hätte ich auf meine erste Entrüstung gehört, so wäre ich auf der Stelle abgereist. Aber wohin gehen? Was sollte beim Eintritt des Winters ohne Ziel, ohne Vorbereitung, ohne Führer, ohne Wagen aus mir werden? Wollte ich nicht alles, meine Papiere, meine Habseligkeiten, alle meine Angelegenheiten in Stich lassen, so bedurfte ich Zeit, um dafür zu sorgen, und in dem Befehle war nicht ausgesprochen, ob man mir eine Frist gewährte oder nicht. Die Fortdauer meines Unglücks begann meinen Muth mehr und mehr zu schwächen. Zum ersten Male fühlte ich, wie sich mein angeborener Stolz unter das Joch der Notwendigkeit beugte, und trotz der Einsprache meines Herzens mußte ich mich zu der Bitte um Aufschub erniedrigen. Denselben Herrn von Graffenried, der mir den Befehl zugesandt hatte, ersuchte ich um genauere Auslegung desselben. In seinem Antwortsbriefe redete er über diesen Befehl, den er mir nur mit größtem Bedauern mitgetheilt, sehr mißbilligend; und die Bezeigungen des Schmerzes und der Achtung, von denen das Schreiben erfüllt war, schienen mir eben so viele gar freundliche Einladungen zu sein, mich ganz offen gegen ihn auszusprechen; ich that es. Ich zweifelte gar nicht daran, daß mein Brief diesen unbilligen Menschen die Augen über ihre Grausamkeit öffnen würde, und daß, falls man einen so barbarischen Befehl auch nicht widerriefe, man mir doch wenigstens eine vernünftige Frist und vielleicht den ganzen Winter bewilligte, um mich zu meinem Abzuge vorzubereiten und eine andere Zufluchtsstätte zu wählen.

In Erwartung der Antwort begann ich über meine Lage und den Entschluß, den ich zu fassen hatte, nachzudenken. Nach allen Seiten hin sah ich so viele Schwierigkeiten, der Kummer hatte mich so hart angegriffen, und ich befand mich in diesem Augenblicke so leidend, daß ich mich ganz niederbeugen ließ, und meine Entmuthigung die Wirkung hatte, mir die wenigen Hilfsquellen zu rauben, die noch in meinem Geiste lagen, um mich so gut als möglich meiner traurigen Lage zu entreißen. Wohin ich mich auch immer flüchten wollte, so viel war klar, daß ich mich den beiden Arten, deren man sich zu meiner Vertreibung bedient hatte, nie entziehen konnte; die eine bestand darin, die Volksmasse im Geheimen gegen mich aufzuhetzen, die andere darin, mich mit offener Gewalt ohne Angabe eines Grundes zu vertreiben. Ich konnte folglich auf keinen gesicherten Zufluchtsort zählen, falls ich ihn nicht in größerer Ferne suchen wollte, als es mir meine Kräfte und die Jahreszeit zu gestatten schienen. Da mich dies alles auf die Gedanken zurückführte, mit denen ich mich zu beschäftigen begonnen hatte, wagte ich den Wunsch auszusprechen, man möchte mich lieber zu lebenslänglichem Gefängnisse verurtheilen, als mich unaufhörlich auf Erden umherirren lassen, indem man mich nach und nach aus allen Asylen vertriebe, die ich mir irgend wählen möchte. Zwei Tage nach meinem ersten Briefe schrieb ich einen zweiten an Herrn von Graffenried, um ihn zu bitten, ihren Excellenzen diesen Vorschlag zu machen. Die Antwort aus Bern auf beide war ein in den bestimmtesten und härtesten Ausdrücken erlassener Befehl, die Insel und das ganze mittelbare wie unmittelbare Gebiet der Republik innerhalb vierundzwanzig Stunden zu verlassen und zur Vermeidung der schwersten Strafen nie wieder dahin zurückzukehren.

Dieser Augenblick war entsetzlich. Ich habe mich öfter in schlimmeren Aengsten, aber nie in größerer Verlegenheit befunden. Was mich jedoch am meisten mit Kummer erfüllte, war die Notwendigkeit, auf den Plan zu verzichten, der es mir wünschenswerth machte, den Winter auf der Insel zuzubringen. Es ist an der Zeit, die verhängnisvolle Begebenheit zu berichten, die meinem Unglück die Krone aufgesetzt und ein unglückliches Volk, dessen aufsprießende Tugenden verhießen, daß sie eines Tages denen Spartas und Roms gleichkommen würden, in mein Verderben mit hineinzog. In dem » Contrat social« hatte ich von den Corsen wie von einem neuen Volke, dem einzigen in Europa geredet, das noch nicht unter der Gesetzgebung gelitten hatte, und auf die große Hoffnung hingewiesen, die man auf ein solches Volk setzen müßte, wenn es das Glück hätte, einen weisen Lehrer zu finden. Mein Werk wurde von einigen Corsen gelesen, die für die ehrenvolle Art, in der ich mich über sie aussprach, dankbar waren; und die Nothwendigkeit, in der sie sich befanden, an dem Aufbau ihrer Republik zu arbeiten, brachte ihre Anführer auf den Gedanken, mich um meine Ideen über dieses wichtige Werk zu bitten. Ein Herr Buttafuoco, aus einer angesehenen Familie des Landes und Capitain in dem französischen Regimente Royal-Italien, schrieb hierüber an mich und besorgte mir mehrere Aktenstücke, um die ich ihn ersucht hatte, um mich mit der Geschichte und dem Zustande des Landes vertraut zu machen. Auch Herr Paoli schrieb mehrmals an mich, und obgleich ich einsah, daß ein solches Unternehmen über meine Kräfte ging, glaubte ich sie bei einem so großen und schönen Werke nicht vorenthalten zu dürfen, sobald ich alle dazu nöthigen Anleitungen erhalten haben würde.

Genau um dieselbe Zeit erfuhr ich, daß Frankreich Truppen nach Corsica sandte und einen Vertrag mit den Genuesen abgeschlossen hätte. Dieser Vertrag und diese Truppensendung versetzten mich in Unruhe; und ohne mir einzubilden, daß ich in irgend einer Beziehung zu dem allen stehen könnte, hielt ich es doch für unmöglich und lächerlich an einem Werke, das wie die Constituirung eines Volkes eine so tiefe Ruhe verlangt, in dem Augenblicke mitzuwirken, wo es vielleicht auf dem Wege war unterjocht zu werden. Ich verhehlte Herrn Buttafuoco meine Befürchtung nicht, der mich durch die Versicherung beruhigte, daß, wären wirklich in diesem Vertrage Dinge vorhanden, die mit der Freiheit seiner Nation in Widerspruch ständen, ein so guter Bürger wie er nicht im Dienste Frankreichs bleiben würde, wie er doch thäte. In der That konnte sein Eifer für das Verfassungsleben Corsikas sowie seine enge Verbindung mit Herrn Paoli in mir keinen Argwohn gegen ihn aufkommen lassen, und als ich vernahm, daß er häufige Reisen nach Versailles und Fontainebleau unternahm und mit Herrn von Choiseul Beziehungen unterhielt, so schloß ich daraus nichts anderes, als daß er über die wirklichen Absichten des französischen Hofes Bürgschaften hätte, die er mir zu verstehen geben wollte, wenn er sich auch nicht brieflich darüber offen erklären konnte.

Dies alles beruhigte mich theilweise. Da ich indessen diese Sendung französischer Truppen nicht begriff und vernünftigerweise nicht annehmen konnte, daß sie zum Schütze der corsikanischen Freiheit da wären, weil die Bewohner der Insel sehr wohl im Stande waren, sich allein gegen die Genueser zu vertheidigen, so konnte ich mich nicht völlig beruhigen, noch mich freudig an der mir vorgelegten Verfassungsarbeit betheiligen, bis ich genügende Beweise hätte, daß dies alles nicht ein bloses Spiel zu meiner Verhöhnung wäre. Mir wäre eine Zusammenkunft mit Herrn Buttafuoco sehr erwünscht gewesen; es war das einzige Mittel, von ihm die Aufklärungen zu erhalten, die ich bedurfte. Er ließ sie mich hoffen, und ich hoffte auf sie mit größter Ungeduld. Ich weiß nicht, ob er die Absicht wirklich gehabt hatte; aber wäre es der Fall gewesen, so hätte mich mein Unstern verhindert, die Gelegenheit zu benutzen.

Je mehr ich über das vorgeschlagene Unternehmen nachdachte, je weiter ich in der Prüfung der sich in meinen Händen befindlichen Aktenstücke vorrückte, desto mehr fühlte ich die Notwendigkeit, das Volk, für welches die Verfassung bestimmt war, sowie den Boden, auf dem es wohnte, und alle Verhältnisse, welchen eine solche Verfassung angepaßt werden mußte, aus der Nähe zu studieren. Ich begriff jeden Tag mehr, daß es mir unmöglich wäre, aus der Ferne alle zu meiner Leitung nöthigen Aufklärungen zu erlangen. Ich schrieb darüber an Buttafuoco: er sah es selbst ein; und wenn ich auch noch nicht völlig fest entschlossen war, mich nach Corsika zu begeben, so beschäftigte ich mich doch viel mit den Mitteln, diese Reise zu machen. Ich sprach davon mit Herrn Dastier, der unter Herrn von Maillebois früher auf dieser Insel gedient hatte, und sie deshalb kennen mußte. Er unterließ nichts, um mich von diesem Vorsatze abzubringen; und ich gestehe, daß das gräßliche Gemälde, welches er mir von den Corsen und ihrem Lande entwarf, meinen Wunsch, in ihrer Mitte zu leben, gewaltig abkühlte.

Als jedoch die Verfolgungen, in Motiers mich daran denken ließen, die Schweiz zu verlassen, erwachte in mir von neuem dieser Wunsch in der Hoffnung, endlich bei diesen Insulanern die Ruhe zu finden, die man mir nirgends lassen wollte. Nur eins machte mir diese Reise bedenklich: meine Untauglichkeit zu dem thätigen Leben und mein Widerwille gegen dasselbe, zu dem ich in Folge dessen verurtheilt sein würde. Ich war dazu geboren, in der Einsamkeit mit Muße nachzudenken, aber nicht um unter Menschen zu reden, zu handeln, Geschäfte abzuschließen. Die Natur, die mir zu jenem Talent verliehen, hatte es mir zu diesem versagt. Gleichwohl sah ich ein, daß ich, ohne mich unmittelbar an den öffentlichen Angelegenheiten zu betheiligen, von meiner Ankunft in Corsika an genöthigt sein würde, mich der Aufregung des Volkes zu überlassen und sehr häufig mit seinen Führern zu berathschlagen. Sogar der Zweck meiner Reise erheischte, daß ich mich nicht in die Einsamkeit zurückzog, sondern vielmehr mitten im Volke die Aufklärungen suchte, die ich nöthig hatte. Es war klar, daß ich nicht mehr über mich selbst würde verfügen können, daß ich, wider meinen Willen in einen Wirbel mit hineingerissen, für den ich nicht geschaffen war, ein meinem Geschmacke völlig widerstrebendes Leben führen und mich nur in ungünstigem Lichte zeigen würde. Ich sah voraus, daß ich die Ansicht von meiner Fähigkeit, welche meine Werke den Corsen einzuflößen vermocht, durch meine Gegenwart schwerlich aufrecht erhalten könnte, daß ich mich bei ihnen um alle Achtung bringen und zu ihrem wie zu meinem Schaden das in mich gesetzte Vertrauen verlieren würde, ohne das ich das von mir erwartete Werk nicht auszuführen im Stande war. Ich hatte die Ueberzeugung, daß ich, wenn ich so aus meinem Kreise herausträte, ihnen unnütz werden und mich unglücklich machen würde.

Gequält, herumgeschleudert von Stürmen jeglicher Art, ermattet von Reisen und Verfolgungen seit mehreren Jahren, fühlte ich lebhaft das Bedürfnis nach Ruhe, die mir meine barbarischen Feinde mit Schadenfreude raubten. Mehr als je seufzte ich nach dieser erquickenden Muße, nach dieser süßen Ruhe Leibes wie der Seele, nach der mein ganzes Verlangen ging, und auf die mein von den Hirngespinsten der Liebe und der Freundschaft zurückgekommenes Herz seine höchste Seligkeit beschränkte. Nur mit Schrecken stellte ich mir die Arbeiten vor, die ich unternehmen, und das stürmisch erregte Leben, dem ich mich überlassen wollte, und wenn die Größe, die Schönheit und der gute Zweck des Gegenstandes meinen Muth belebten, benahm ihn mir wieder völlig die Unmöglichkeit, mit meiner Person erfolgreich einzutreten. Zwanzig Jahre tiefen Nachsinnens hätten mich weniger angegriffen als sechs Monate eines thätigen Lebens inmitten von Menschen und Geschäften und mit der Ueberzeugung, dabei keinen Erfolg zu erzielen.

Ich verfiel auf ein Auskunftsmittel, welches mir geeignet schien, alles mit einander in Uebereinstimmung zu bringen. Aus allen meinen Zufluchtsstätten durch die heimlichen Ränke meiner geheimen Verfolger verscheucht, und nur noch in Corsika das Land erblickend, in dem ich auf Ruhe für meine alten Tage rechnen konnte, die sie mir sonst nirgends gönnen wollten, war ich entschlossen, mich nach den Anweisungen des Herrn Buttafuoco dorthin zu begeben, sobald sich mir die Möglichkeit dazu zeigen würde; aber um dort ruhig zu leben, wenigstens dem Anscheine nach auf die Arbeit an der Verfassung zu verzichten und mich, um mich meinen Wirthen für ihre Gastlichkeit einigermaßen dankbar zu erweisen, darauf zu beschränken, an Ort und Stelle ihre Geschichte zu schreiben, wobei ich mir vorbehielt, ganz im Stillen die nöthigen Forschungen anzustellen, um ihnen nützlicher zu werden, wenn sich mir die Gelegenheit zu einer erfolgreichen Wirksamkeit darbieten würde. Indem ich also zunächst keine Verbindlichkeit übernahm, hoffte ich im Stande zu sein, im Stillen und in größerer Gemächlichkeit einen Plan auszusinnen, der ihnen gefallen könnte, und zwar ohne allzu sehr meiner lieben Einsamkeit zu entsagen, oder mich in eine Lebensweise zu fügen, die mir unerträglich war und zu der ich keine Anlage besaß.

Aber diese Reise war in meiner Lage keine leicht ausführbare Sache. Nach den Mittheilungen des Herrn Dastier über Corsika fand ich dort nicht die einfachsten Bequemlichkeiten des Lebens, wenn ich sie nicht mitbringen würde; Wäsche, Kleider, Geschirr, Küchengeräth, Papiere, Bücher, alles mußte man mit sich nehmen. Um mich mit Therese dort anzusiedeln, mußte ich die Alpen übersteigen und auf einer Fahrt von zweihundert Stunden einen ganzen Heereszug hinter mir herschleppen; ich mußte die Staaten mehrerer Souveraine durchkreuzen und bei dem in ganz Europa nach meinem Unglück gegen mich angeschlagenen Ton natürlich gewärtigen, überall Hindernisse zu finden und jedermann bereit zu sehen, es sich zur Ehre anzurechnen, wenn er mir irgend ein neues Weh bereitete und in mir alle Rechte der Völker und der Menschheit verletzte. Die grenzenlosen Kosten, die Beschwerden und Gefahren einer solchen Reise verlangten im voraus Berücksichtigung und ernstliche Erwägung aller Schwierigkeiten. Der Gedanke, mich schließlich allein, ohne Hilfsmittel in meinem Alter und fern von allen meinen Bekannten in der Gewalt dieses barbarischen und wilden Volkes, wie es Herr Dastier mir schilderte, finden zu können, war wohl geeignet, mich einen solchen Entschluß vor der Ausführung ernstlich überlegen zu lassen. Ich sehnte mich leidenschaftlich nach der Zusammenkunft, die mir Buttafuoco in Aussicht gestellt hatte, und wartete auf sie, um mich nach ihrem Ausfalle zu entscheiden.

Während ich noch so schwankte, ereigneten sich die Verfolgungen zu Motiers, die mich zum Rückzuge zwangen. Auf eine lange Reise war ich nicht vorbereitet und namentlich nicht auf die nach Corsika. Ich wartete auf Nachrichten von Buttafuoco und nahm meine Zuflucht nach der Insel Saint-Pierre, von der ich, wie gesagt, beim Beginn des Winters vertrieben wurde. Die mit Schnee bedeckten Alpen machten mir diese Auswanderung für den Augenblick unausführbar, besonders bei der mir befohlenen Schnelligkeit. Die Uebertriebenheit eines solchen Befehls machte seine Ausführung allerdings unmöglich; denn mitten in dieser von Wasser eingeschlossenen Einsamkeit, wo mir von Einhändigung des Befehls an nur vierundzwanzig Stunden blieben, um mich zur Abreise zu rüsten und Boote und Wagen zum Fortkommen von der Insel und aus dem ganzen Staatsgebiete zu finden, das hätte ich kaum bewerkstelligen können, selbst wenn ich Flügel gehabt hätte. Ich schrieb dies dem Herrn Landvogt zu Nidau in Beantwortung seines Briefes und beeilte mich aus diesem Lande der Ungerechtigkeit zu scheiden. Auf diese Weise mußte ich meinen Lieblingsplan aufgeben, und da ich es in meiner Entmuthigung nicht hatte durchsetzen können, daß man über mich verfügte, so entschloß ich mich auf die Einladung Mylord Marschalls hin zur Reise nach Berlin, während ich Therese den Winter über mit meinen Sachen und Büchern auf der Insel Saint-Pierre ließ und meine Papiere den Händen Du Peyrous anvertraute. Ich betrieb alles so eilig, daß ich schon am folgenden Morgen von der Insel abreiste und noch vor Mittag in Biel anlangte. Wenig hätte gefehlt, so hätte meine Reise durch einen Zwischenfall, den ich nicht übergehen darf, schon hier ihr Ende erreicht.

Sobald sich das Gerücht verbreitete, daß ich den Befehl erhalten hatte, mein Asyl zu verlassen, empfing ich einen Strom von Besuchen aus der Nachbarschaft und namentlich von Bernern, die mit der verabscheuungswürdigsten Falschheit kamen, um mir den Hof zu machen, mich zu besänftigen und mir zu betheuern, man hätte sich den Augenblick der Ferien und der Unvollständigkeit des Senats zu Nutze gemacht, um diesen Befehl durchzusetzen und mir zuzustellen, über den nach ihrer Behauptung die »Zweihundert« entrüstet wären. Unter dieser Schaar von Tröstern erschienen auch einige aus der Stadt Biel, einer kleinen, rings von Berner Gebiet umgebenen Freistadt, und unter andern ein junger Mann, Namens Wildremet, dessen Familie den höchsten Rang einnahm und den Haupteinfluß in dieser kleinen Stadt besaß. Wildremet beschwor mich lebhaft im Namen seiner Mitbürger, mein Asyl unter ihnen zu nehmen, indem er mir die Versicherung gab, daß sie mich eifrig aufzunehmen wünschten, daß sie es sich zur Ehre anrechnen und eine Pflicht daraus machen würden, mich in ihrer Mitte die Verfolgungen vergessen zu lassen, die ich erlitten; daß ich bei ihnen keinen Einfluß der Berner zu befürchten hätte, daß Biel eine freie Stadt wäre, die sich von niemandem Gesetze vorschreiben ließe, und daß alle Bürger einstimmig entschlossen wären, auf kein gegen mich gerichtetes Gesuch zu hören.

Als Wildremet sah, daß er mich nicht unschlüssig machte, ließ er sich von mehreren andren Personen unterstützen, sowohl aus Biel und Umgegend, wie auch aus Bern selbst und unter andern von dem nämlichen Kirchberger, der mich, wie bereits erwähnt, nach meinem Rückzuge in die Schweiz aufgesucht, und dem ich um seiner Talente und Grundsätze willen meine Theilnahme zugewandt hatte. Allein unerwarteter und deshalb mehr in das Gewicht fallend waren die freundlichen Aufforderungen des Herrn Barthès, eines französischen Gesandtschafts-Secretärs, der mich mit Wildremet besuchte, mir dringend zuredete, seiner Einladung nachzukommen, und mich durch den lebhaften und zärtlichen Antheil, den er an mir zu nehmen schien, in Erstaunen setzte. Ich kannte Herrn Barthès gar nicht; ich sah ihn jedoch in seine Worte die Wärme und den Eifer der Freundschaft legen und nahm wahr, daß es ihm wirklich am Herzen lag, mich zu der Uebersiedlung nach Biel zu überreden. Er sprach sich gegen mich in der belobigendsten Weise über diese Stadt und ihre Bewohner aus, mit denen er sich so innig verbunden zeigte, daß er sie in meiner Gegenwart mehrmals seine Patrone und Väter nannte.

Dieser Schritt des Herrn Barthès machte mich in allen meinen bisherigen Vermuthungen irre. Ich hatte stets Herrn von Choiseul als den verborgenen Urheber aller Verfolgungen, die ich in der Schweiz erduldet, in Verdacht gehabt. Das Benehmen des französischen Residenten in Genf und des Gesandten in Solothurn bestärkten diesen Verdacht nur allzu sehr; ich bemerkte Frankreich im Geheimen auf alles Einfluß ausüben, was mir in Bern, in Genf, in Neufchâtel widerfuhr, und ich glaubte in Frankreich keinen andren mächtigen Feind zu besitzen als den Herzog von Choiseul Es ist auffallend, daß Rousseau alle Verfolgungen, die er erduldet, lediglich dem Herzog von Choiseul zuschreibt, und daß er ihm nicht Voltaire beigesellt, dessen er in diesem ganzen Buche nicht einmal erwähnt. allein. Was konnte ich demnach von dem Besuche des Herrn Barthès und von dem zärtlichen Antheile denken, den er an meinem Loose zu nehmen schien? Mein Unglück hatte diese meinem Herzen angeborene Vertrauensseligkeit noch nicht zerstört, und die Erfahrung mich noch nicht gelehrt, unter den Liebkosungen überall Fallstricke zu sehen. Voll Erstaunen suchte ich nach dem Grunde dieses Wohlwollens des Herrn Barthès; ich war nicht thöricht genug zu glauben, daß er diesen Schritt aus eigenem Antriebe thäte; ich gewahrte darin eine Offenkundigkeit und sogar eine Absichtlichkeit, die eine geheime Absicht verrieth; und überdies hatte ich noch nie bei diesen untergeordneten Agenten jene edelmüthige Unerschrockenheit gefunden, die mir in einer ähnlichen Stellung oft mein Herz geschwellt hatte.

Bei Herrn von Luxembourg hatte ich einst den Chevalier von Beauteville ein wenig kennen gelernt; er hatte mir einiges Wohlwollen bewiesen; seit seiner Gesandtschaft hatte er mir auch noch Zeichen des Andenkens gegeben und mich sogar einladen lassen, ihn in Solothurn zu besuchen. Diese Einladung hatte mich, ohne daß ich ihr Folge leistete, doch gerührt, da ich von hohen Beamten eine so höfliche Behandlung nicht gewohnt war. Ich nahm deshalb an, daß Herr von Beauteville, wenn auch gezwungen, die ihm in Bezug auf die Genfer Angelegenheiten ertheilten Aufträge auszuführen, mich doch meines Unglücks halben bedauerte und mir durch seine persönliche Bemühung diese Zuflucht in Biel verschafft hätte, um dort unter seinem Schutze ruhig leben zu können. Ich war für diese Aufmerksamkeit dankbar, wenn ich sie auch nicht zu benutzen gedachte, und zur Reise nach Berlin fest entschlossen, sehnte ich mich leidenschaftlich nach dem Augenblicke, wo ich mit Mylord Marschall wiedervereinigt sein sollte, überzeugt, daß ich nur an seiner Seite eine wahre Ruhe und ein dauerhaftes Glück finden würde.

Bei meiner Abreise von der Insel begleitete mich Kirchberger bis nach Biel. Dort fand ich Wildremet und einige andere Bieler, die mich beim Aussteigen aus dem Boote erwarteten. Wir speisten im Wirthshause alle zusammen, und unmittelbar nach meiner Ankunft war es meine erste Sorge, einen Wagen zu bestellen, da ich am nächsten Morgen abreisen wollte. Während des Essens drangen die Herren von neuem mit Bitten in mich, um mich in ihrer Mitte zurückzuhalten, und zwar mit so großer Wärme und so rührenden Verheißungen, daß sich mein Herz, welches Zärtlichkeiten nie zu widerstehen vermochte, von den ihrigen trotz aller meiner Beschlüsse bewegen ließ. Sobald sie mich erschüttert sahen, verdoppelten sie ihre Bemühungen mit solchem Erfolge, daß ich mich endlich besiegen ließ und einwilligte, in Biel zu bleiben, wenigstens bis zum nächsten Frühlinge. Sofort beeilte sich Wildremet, mir eine Wohnung zu verschaffen, und rühmte mir als einen ganz besonders glücklichen Fund ein nach dem Hofe hinaus gelegenes häßliches Kämmerlein im dritten Stocke an, von dem aus ich mein Auge an dem Gerüste stinkender Häute eines Weißgerbers weiden konnte. Mein Wirth war ein kleiner Mann mit gemeinem Gesichte und ein vollkommener Schurke, der mir am folgenden Tage als Wüstling, Spieler und als eine in dem ganzen Stadtviertel übel berüchtigte Persönlichkeit geschildert wurde. Er hatte weder Weib noch Kinder noch Dienstleute, und in mein einsames Zimmer kläglich eingesperrt, war ich in der lachendsten Landschaft von der Welt so eingepfercht, daß ich in wenigen Tagen hätte vor Schwermuth sterben können. Was mich am meisten schmerzte, war, daß ich trotz allem, was man mir von dem freundlichen Entgegenkommen der Einwohner gesagt hatte, beim Durchschreiten der Straßen nichts von Höflichkeit gegen mich in ihrem Benehmen, von Zuvorkommenheit in ihren Blicken gewahrte. Trotzdem war ich fest entschlossen, da zu bleiben, als ich bereits den folgenden Tag hörte, sah und begriff, daß in der Stadt eine furchtbare Aufregung gegen mich herrschte. Mehre dienstfertige Leute kamen außerordentlich höflich, um mir mitzutheilen, schon am andern Tage würde man mir einen in härtester Form erlassenen Befehl zufertigen, auf der Stelle den Staat, das heißt die Stadt, zu verlassen. Ich hatte niemanden, dem ich mich anvertrauen konnte. Alle, die mich zurückgehalten, hatten sich zerstreut. Wildremet war verschwunden, von Barthès hörte ich nicht mehr reden, und es schien nicht, daß mir seine Empfehlung bei den Patronen und Vätern, die er sich in meiner Gegenwart beigelegt hatte, sehr vorteilhaft gewesen wäre. Ein Herr von Vau-Travers, ein Berner, der ein niedliches Haus vor der Stadt besaß, bot mir jedoch ein Asyl darin an, in der Hoffnung, wie er sagte, daß ich mich darin der Steinigung entziehen könnte. Diese Aussicht schien mir nicht verführerisch genug, um mich in Versuchung zu bringen, meinen Aufenthalt bei diesem gastfreundlichen Volke zu verlängern.

Da ich dadurch jedoch drei Tage verloren, so hatte ich die mir von den Bernern zur Räumung ihrer Staaten festgesetzten vierundzwanzig Stunden bedeutend überschritten, und da ich ihre Härte kannte, konnte ich mich nicht einiger Sorge über die Art entschlagen, wie sie mich hindurchlassen würden, als mich der Landvogt von Nidan rechtzeitig aus meiner Verlegenheit riß. Da er die Gewaltmaßregel ihrer Excellenzen laut gemißbilligt hatte, glaubte er mir in seinem Edelmuthe ein öffentliches Zeugnis schuldig zu sein, daß er daran keinen Antheil hätte, und nahm keinen Anstand, seinen Amtsbezirk zu verlassen, um mir in Biel einen Besuch abzustatten. Er kam den Tag vor meiner Abreise, und zwar nicht etwa incognito, sondern seinen Secretär neben sich in der Kutsche und in vollem Staate und brachte mir einen von ihm amtlich unterschriebenen Paß, um das Berner Gebiet, wo ich wollte, und ohne Furcht einer Belästigung durchreisen zu können. Der Besuch rührte mich mehr als der Paß. Ich würde ihm kaum weniger dankbar gewesen sein, wenn dieser Besuch einem andern als mir gegolten hätte. Ich kenne nichts, was einen so mächtigen Eindruck auf mein Herz ausübt, als eine Handlung des Heldenmuths im rechten Augenblicke zu Gunsten eines Schwachen gethan, der ungerechterweise unterdrückt wird.

Nachdem ich mir mit Mühe einen Wagen verschafft hatte, reiste ich endlich am folgenden Morgen aus diesem mörderischen Lande ab, noch vor der Ankunft der Abgeordneten, die man mir zu Ehren an mich absenden wollte, ja noch ehe ich Therese wiedersehen konnte, die ich in dem Glauben, in Biel zu bleiben, mir zu folgen aufgefordert hatte, und der ich kaum in einigen flüchtigen Worten, in denen ich ihr mein neues Unglück anzeigte, Gegenbefehl ertheilen konnte. Aus meinem dritten Theile wird man, wenn ich je die Kraft ihn zu schreiben habe, ersehen, wie ich in dem Wahne nach Berlin zu reisen, in Wahrheit nach England reiste, und wie die beiden Damen, die über mich verfügen wollten, nachdem sie mich aus der Schweiz, wo ich mich nicht genug in ihrer Gewalt befand, durch ihre Ränke vertrieben hatten, mich schließlich doch noch an ihren Freund auslieferten.

Bei der Vorlesung dieser Schrift, die ich vor dem Grafen und der Gräfin Egmont, dem Prinzen von Pignatelli, der Frau Marquise von Mesmes und dem Herrn Marquis von Juigné hielt, habe ich das Folgende hinzugefügt:

Ich habe die Wahrheit gesagt; wenn jemand etwas weiß, was dem so eben Erzählten widerspricht, und sollte er tausend Beweise dafür beibringen, so ist es Lüge und Betrug; und wenn er sich weigert, die Sache mit mir, so lange ich noch am Leben bin, zu untersuchen und aufzuklären, so liebt er weder die Gerechtigkeit noch die Wahrheit. Ich für meine Person erkläre laut und ohne Scheu: Wer, sogar ohne meine Werke gelesen zu haben, mit eigenen Augen meine Natur, meinen Charakter, meine Sitten, meine Neigungen, meine Vergnügungen, meine Gewohnheiten prüft und mich gleichwohl für einen unrechtlichen Menschen zu halten im Stande ist, der ist selber werth, ausgerottet zu werden.

So schloß ich meine Vorlesung, und jedermann schwieg; Frau von Egmont schien mir allein bewegt; sie zitterte sichtlich, faßte sich aber bald wieder und beobachtete wie die übrige Gesellschaft Schweigen. Das war die Frucht, die ich aus dieser Vorlesung und aus meiner Erklärung erntete.

Ende des zweiten Theils.

Quelle (Februar 2009): Projekt Gutenberg / Der Spiegel

http://gutenberg.spiegel.de/?id=12&xid=4809&kapitel=18&cHash=28c38e6f582

vgl. http://gutenberg.spiegel.de/index.php?id=19&autorid=893&autor_vorname=Jean+Jacques&autor_nachname=Rousseau&cHash=b31bbae2c6

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